Wissen teilen – Jahres-Thema 2021 der Corporate Learning Community

Auch in diesem Jahr haben wir wieder einen Blick auf unsere Vision für das Corporate Learning 2025 geworfen, um ein Jahres-Thema zu finden. Dieses Mal haben wir uns vom 4. Punkt der Vision leiten lassen: „Leadership & Lernkultur 2025: Von ‚Wissen ist Macht‘ zu ‚Wissen teilen ist Macht‘“. Aber weil wir dachten, dass wir „Wissen teilen ist Macht“ bzw. „Wissen teilen“ vielleicht noch besser hinbekommen, haben wir das Motto Anfang Januar noch einmal in die Community zurückgespielt. Zurück kamen 50 Vorschläge, wie man „Wissen teilen“ noch bzw. anders formulieren kann! Da wir hier nicht Richter spielen wollten, haben wir uns auf ein Jahresmotto mit variablen Untertiteln geeinigt. Wie im letzten Jahr wollen wir also auch in diesem Jahr versuchen, möglichst viele Aktivitäten der Corporate Learning Community unter das Motto „Wissen teilen: …“ zu stellen.

Doch welche Themen und Konzepte sind eigentlich mit „Wissen teilen“ verbunden? Welche Untertitel bieten sich an, um das Motto in seiner ganzen Vielfalt auszuloten? Hier einige unvollständige Gedanken.

Wissen-Teilen als tägliche Routine

Wie wird aus dem Vorsatz des Wissen-Teilens eine Routine? Wie können wir als Learning Professionals das vorleben, was wir von anderen in unseren Unternehmen oder Organisationen erhoffen? Harold Jarche hat vor einigen Jahren eine solche Routine unter dem Stichwort des „Persönlichen Wissensmanagements“ in ein einfaches Phasenmodell übersetzt (Jarche, 2012): Seek > Sense > Share. Dieses Modell bietet einen idealen Ausgangspunkt, um sich immer wieder zu fragen, wie man diese Phasen im Alltag lebt und welche Tools und Methoden hier unterstützen können. Dabei ist das „Share“ sicher der anspruchsvollste Schritt, weil wir uns mit ihm nach außen öffnen: ob wir jetzt im kleinen Kreis von unseren Erfahrungen berichten, via Twitter einen Link an die Community weitergeben, einen Artikel an die Kollegin weiterreichen, einen Blogpost schreiben, einen Podcast aufsetzen oder ein How-To-Video entwickeln.       

Erfahrungen mit Peers austauschen

Unsere Corporate Learning Camps, ob vor Ort oder online, sind Aktivitäten des Wissen-Teilens par excellence. Selbstorganisiert, auf Augenhöhe, ohne eingeladene Speaker oder ReferentInnen. Aber sie stehen nicht allein. Jöran Muuß-Merholz hat 2019 ein Buch geschrieben, das er „Barcamps & Co. Peer to Peer-Methoden für Fortbildungen“ genannt hat (Muuß-Merholz, 2019). Darin geht es natürlich vor allem um BarCamps, aber nicht nur. Im zweiten Teil des Buches stellt er steckbriefartig weitere Formate für P2P-Fortbildungen vor. Ich zähle sie an dieser Stelle einfach einmal auf: Karussell-Fortbildung, Hackathon & Booksprint, Newsletter & Wissensblog, Speed-Geeking & Date-an-expert, Lightning Talks & Pecha Kucha, Stammtische & Meetups, Marktplatz & Ausstellung, MOOCs & Learning Circles, offene Küchen-Sprechstunde, Twittern & Blogs.

Viele dieser Formate wären einen eigenen Artikel wert und einige haben wir in der Corporate Learning Community schon aktiv umgesetzt. Aber in vielen Unternehmen und Organisationen sind sie heute noch unbekannt.

Corporate Learning Camp 2019 in Koblenz, Bildquelle: Charlotte Venema

Wissen-Teilen via Blogs, Podcasts und Twitter 

Blogs, Wikis und Podcasts sind heute ein selbstverständlicher Teil der Web-Kultur. Sie stehen für eine Entwicklung des Internets – den Übergang vom Web 1.0 zum Web 2.0 –, die unmittelbar mit dem Teilen von Wissen zusammenhängt. Passive Konsumenten des Internets, so hieß es 2004, hatten jetzt die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden, Texte und Medien zu verbreiten und sich mit anderen auszutauschen. Vom Mitmachweb und Prosumenten war die Rede. Und auch, wenn viele Hoffnungen später von den großen sozialen Netzwerken verschluckt wurden, die Möglichkeiten und die Instrumente gibt es nach wie vor. Auch dieser Beitrag ist ein Blog-Beitrag, die Vision unserer Corporate Learning Community steht offen und editierbar auf Wikibooks, und das Podcasting hat im Rahmen der CLC eine lange Tradition und einen festen Platz in der Kopfzeile. In diese Reihe passt auch Twitter (#clc2025), das wir für die Vernetzung und den Austausch in der Community regelmäßig bewerben und dessen Qualitäten als „Lern-Booster“ an dieser Stelle schon beschrieben wurden.       

Wissen-Teilen durch Working Out Loud

Working Out Loud beschreibt nichts weniger als Haltung des Wissen-Teilens. Indem ich das eigene Arbeiten transparent mache, den „Blick über die Schulter“ erlaube und mich mit anderen vernetze, praktiziere ich das Teilen. Wer sich schrittweise mit dieser Haltung vertraut machen will, nutzt die Methode „Working Out Loud“, wie sie von John Stepper beschrieben worden ist (Stepper, 2020) und wie sie in verschiedenen Netzwerken und Communities aktiv gepflegt wird. An dieser Stelle sei noch einmal daran erinnert, dass Working Out Loud ja im Rahmen der Einführung eines internen sozialen Netzwerks bei der Deutschen Bank entstanden ist, wo John Stepper lange Jahre beschäftigt war.   

In diese Reihe gehört auch lernOS, das „offene System für Lebenslanges Lernen und Lernende Organisationen“, das von Simon Dückert/ Cogneon entwickelt wurde und dessen Tool-Box immer wieder um neue Learning Circle-Guides erweitert wird, die alle unter einer offenen Creative Commons-Lizenz zur Verfügung stehen.

Ein Klassiker des Wissen-Teilens: Communities of Practice

Einen weiteren Rahmen für das Teilen von Wissen finden wir auch im Konzept der Communities of Practice (CoPs): „Communities of practice are groups of people who share a concern or a passion for something they do and learn how to do it better as they interact regularly“, heißt es auf der Seite von Etienne und Beverly Wenger-Trayner. Seit den späten 1990er Jahren, als vor allem Etienne Wenger das Konzept in vielen Publikationen vorstellte, folgen Unternehmen diesem Modell, durchaus mit wechselnder Aufmerksamkeit, aber gerade in jüngster Zeit gibt es hier erfreulicherweise wieder einige Erfolgsgeschichten. Ich verweise an dieser Stelle nur kurz an die DATEV Software Craftsmanship Community, auf die wir im Rahmen unserer CLC-Aktivitäten schon wiederholt hingewiesen haben (u.a. Corporate Learning Podcast 074). Oder das aktive Community-Management bei Bosch (s. CL 2025 MOOCathon). Es gibt also Beispiele, sicher auch viele, von denen wir nichts wissen, weil sie im Stillen arbeiten, aber genauso sicher könnten es durchaus mehr sein.   

Social Learning, Social Networks und Content Sharing

In der 15. Ausgabe der Trendstudie des mmb Instituts, die vor einigen Tagen erschienen ist, werden ExpertInnen unter anderem gefragt, welche Bedeutung verschiedene Lernformen für das betriebliche Lernen in den kommenden drei Jahren haben. „Social Networks/ Communities“ stehen hier nur noch an 10. Stelle. Das war einmal anders. Als Social Media in der Weiterbildung populär wurde, wurden auch „Social Networks/ Communities“ höher eingeschätzt. In der Trendstudie 2010 bildete „Content Sharing“ gar eine weitere Lernform, nach deren Bedeutung gefragt wurde. „User-generated content“ ist ein weiteres Stichwort, das in diesem Umfeld Einzug ins Corporate Learning hielt. Mittlerweile gehört es zum Repertoire vieler Lernplattformen und Lernkonzepte, den Lernenden Möglichkeiten der Partizipation und Vernetzung anzubieten. Wir finden diese Optionen in „großen“ Lernformen wie Massive Open Online Courses (MOOCs), aber auch in klassischen Bildungsangeboten, die um einzelne Social Media-Elemente erweitert werden. Viele dieser Formate versuchen bewusst, Mitarbeitende zu motivieren, ihre Erfahrungen an andere weiterzugeben (Deimann/ Friedl, 2020).     

Open Educational Resources & Creative Commons

Damit wir Wissen schnell und ohne Probleme teilen können, hilft es, wenn die Urheber von Artikeln, Grafiken und Fotos, Audios und Videos ihre Materialien entsprechend kennzeichnen. Das geht zum Beispiel mit Hilfe der weit verbreiteten Creative Commons-Lizenzen. Mit ihnen zeigen Urheber an, was andere Nutzer mit ihren Materialien tun dürfen: zum Beispiel kopieren, bearbeiten und/ oder verändern. Wenn es sich dabei um Bildungsmaterialien handelt, die mit entsprechenden Lizenzen gekennzeichnet sind, spricht man von Open Educational Resources (OER). In Schulen und Hochschulen sind sie schon weit verbreitet, aber auch in der Erwachsenenbildung und in der betrieblichen Weiterbildung werden sie langsam populärer (Whitepaper „Open Educational Resources (OER) in Weiterbildung / Erwachsenenbildung“, 2015). Sie erleichtern das Teilen von Wissen gerade im virtuellen Raum ungemein. Selbstverständlich sind auch die meisten Inhalte auf der Webseite der Corporate Learning Community mit einer CC-Lizenz versehen (CC BY 4.0).

Bildquelle: James Lee (Unsplash)

Die Grundlagen: Digitale Kompetenzen

Das Teilen von Wissen und Erfahrungen benötigt eigentlich keine besonderen Kompetenzen. Wenn es gut läuft (Kultur! Haltung!), passiert es automatisch. Wenn wir allerdings die Möglichkeiten des Netzes bewusst und erfolgreich nutzen wollen, helfen entsprechende Kompetenzen. Zum Beispiel digitale Kompetenzen, wie sie in den letzten Jahren an vielen Stellen beschrieben (prominent im europäischen Referenzrahmen „digcomp 2.1“) und in einzelnen Kampagnen umgesetzt wurden. Das Teilen von Wissen wird in diesen Modellen von verschiedenen Kompetenzfeldern aufgenommen, vor allem, wo es um das Gestalten und Erzeugen digitaler Inhalte sowie die Kommunikation und Kooperation mit anderen geht.

Gerade mit Blick auf die Veränderungen der Arbeitswelt (Industrie 4.0, Arbeiten 4.0) und die damit verbundenen Transformationsprozesse sind die Digitalisierung und die digitalen Kompetenzen der Mitarbeitenden in vielen Unternehmen zum strategischen Thema geworden. Auch in HR und Corporate Learning. Viele Unternehmen, die an den MOOCs der Corporate Learning Community 2020, 2017 und 2015 teilgenommen haben, haben entsprechende Digitalisierungs-Kampagnen im Lernumfeld vorgestellt.  

Eine Kultur des Wissen-Teilens

Auf meiner Liste des Wissen-Teilens stehen noch weitere Stichworte: die Beschäftigung mit Lernkultur im Allgemeinen und einer Lernkultur des Teilens im Besonderen; die Praxis der Liberating Structures; Content Curation als Aufgabe und Kompetenz; Agiles Projektmanagement und Lernen als Rahmenkonzept; Führungskräfte, die eine Kultur des Wissen-Teilens fördern und unterstützen; Wissen-Teilen als Baustein des informellen Lernens …

Doch ich schließe mal fürs Erste und hoffe, es sind einige Anregungen für Unterzeilen unseres Mottos „Wissen-Teilen“ dabei. Anmerkungen, Ergänzungen und Feedback sind natürlich herzlich willkommen!

Jochen