Viessmann – am Mittwoch

ZEITFAHREN – Motivation, oder: “Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen”

(Johann Wolfgang von Goethe zu Caroline Herder, 5.9.1788)

 

Was uns in der Akademie bewegt:
Mit dem Lernen ist es wie mit Neujahrswünschen: Nichts wird so schnell gebrochen wie die guten (Lern-)Vorsätze des Vortages … Denn unser Gehirn entscheidet sich, wenn man es lässt, doch für den Weg des geringsten Widerstandes – und nutzt jede noch so kleine Ausrede, um Anstrengungen, ungewohnten und unangenehmen Tätigkeiten aus dem Weg zu gehen. Nur wenn die Motivation und das Durchhaltevermögen ausreichend groß sind, um den inneren Schweinehund im Griff zu behalten, kann selbstorganisiertes Lernen erfolgreich sein.

Heute möchten wir mit euch diskutieren, was unsere Mitarbeiter*innen zum Lernen und zum “Durchhalten” motiviert. Ist es das Lernziel alleine? Oder muss und kann auf längeren Lernreisen nicht doch auch das Lernen selbst anfangen Spaß zu machen? Und welche Rolle spielen hierbei extrinsische Motivationen wie Lern-Incentives oder harte Zielvorgaben?

Wie machen wir es den Lernenden leichter, am Ball zu bleiben und Spass am Lernen zu entwickeln? Welche Lernformate erscheinen hierzu geeignet, welche haben für euch überhaupt nicht funktioniert?

Die heutige Challenge:
Erzählt uns, was Euch selbst bei einem Langläufer-/ Langlerner-Projekt motiviert hat, am Ball zu bleiben – und was so rein gar nicht funktioniert hat. Wenn Ihr möchtet, erstellt ein kurzes Video und teilt es mit uns. Sonst wählt ein anderes Medium …

 

Und hier noch etwas Hintergrundmaterial für motivierte MOOC-Teilgeber*innen:

 

 

  • Pingback: MOOCathon #cl2025 – Runde 6 | Viessmann und die Suche nach der Neugierde – GIS Practice()

  • Steffen Peter

    Eine kleine Zusammenfassung in der Hoffnung a) die unterschiedlichen Aspekte alle berücksichtigt zu haben und b) ein Zusammenführen der Tage für den Freitag zu erleichtern:

    ​Challenge:​
    Erzählt uns, was Euch selbst bei einem Langläufer-/ Langlerner-Projekt motiviert hat, am Ball zu bleiben – und was so rein gar nicht funktioniert hat.

    ​Allgemein wurde über das Thema “Motivation” als etwas sehr individuelles diskutiert​.
    Aus unterschiedlichen Erfahrungen der TN heraus wissen Lernende oftmals gar nicht, welche Motivation sie eigentlich zum Lernen angetrieben hat.

    ​Der “Lernbegriff” als solcher wurde diskutiert. Landläufig würde dieser eher negativ konnotiert (Anstrengung, Leistungsdruck, Angst vorm Scheitern, insbesondere bei Prüfungen), was sich auch auf spätere Lernerfahrungen auswirken würde. Lernen als an sich befriedigende, positive Handlung wahrzunehmen, sollte ein erster Schritt für Lernen sein.
    Die Meinung, dass positive Lernerfahrungen zu weiterem Lernen anregen würde wurde allgemein bejaht.
    Auch wurde der positive Effekt von Lernen bzw. dem Anwenden des Gelernten für ein gutes Selbstwertgefühl bzw. das Selbstbewusstsein genannt. (Kompetenzerleben)

    Was hilft der Community um am Ball zu bleiben:
    – Zielklarheit/ Zieltransparenz im Sinne von; was möchte ich als Lernender eigentlich erreichen und was ist das Ziel des Angebots (Erwartung x Wert- Modell)
    – Spezifisch wurde dann auch noch auf eine gemeinsame Zieldefinition zwischen Lernenden und Lehrenden abgehoben und die damit wünschenswerte Flexibilität der Lehrenden, was die Themen angeht.
    – Bekanntheit der zu Verfügung stehenden Ressourcen (passt die zu erwartende Anforderung zu meinen freien/ zu Verfügung stehenden Kapazitäten)
    – Fähigkeit zur Selbstorganisation
    – hierunter wurden dann auch Etappenziele/ Meilensteine genannt, die den Lern-Weg in kleiner Etappen einteilen
    – (Teil-) Erfolge (die für kleine positive Erfahrungen sorgen und so wieder neu motivieren)
    – Reise- bzw. Lernpartner im Sinne einer Möglichkeit Erfahrungen zu teilen und zu reflektieren
    – Soziale Interaktion, Austausch mit anderen

    Dieser Aspekt wurde aus mehreren Perspektiven beleuchtet. (Gegenseitige Motivierung, gegenseitige Anerkennung von Erfolgen, Wettstreit, Feedback, Transferkontrolle)

    Spannend war auch das Konzepts der zu erwarteten Belohnung. Bei etwaigen Durststrecken innerhalb eines Lernprozesses wäre der Fokus auf das zu erwartenden Gefühl beim erfolgreichen Erreichen des Ziels Ansporn und Motivation genug weiter zu machen. (Erwartung x Wert)

    Ein weitere Diskussionsstrang behandelte die intrinsische und extrinsische Motivation und wie man aus anfänglich extrinsischer Motivation intrinsische machen könnte.

    Falls sich jemand nicht wieder findet oder noch etwas ergänzen möchte…..bitte. Fühlt euch herzlich eingeladen!

  • Martin Geisenhainer

    Ich würde das Motivationsthema gerne mal auf konkrete Lernkontexte reflektieren.
    Beim arbeitsplatznahen Lernen, wenn wir also ein Problem lösen müssen und uns in diesem Moment online, über unser persönliches Lernnetzwerk oder bei einem Kaffee mit Kollegen Hilfe holen – also lernen, wie die Herausforderung zu meistern ist. Hier können wir die Motivation als intrinsisch (wenn auch extrinsisch angestossen, weil wir den Job haben, dieses Problem zu lösen) erkennen. Und wir dürften am Thema dran bleiben, bis wir uns das notwendige Rüstzeug (oder Skillset) angeeignet haben.
    Schauen wir uns vorbereitende Lernsituationen an. Hier gilt es, sich neues Wissen bzw. Fertigkeiten anzueignen, die in der Zukunft – vielleicht vollständig oder nur teilweise für die Bewältigung neuer Aufgaben benötigt werden. Und dies möglicherweise über eine längere Zeitstrecke.
    Jetzt gibt es sicher die offenen, neugierigen, die sich mit Begeisterung auf die Lernreise begeben. Und es gibt die eher abgelöschten, die in ihrer persönlichen Geschichte keine so glücklichen Lernerlebnisse mit sich tragen und Widerstände für den anstrengenden Lernweg aufbauen. Letztere werden grosse Schwierigkeiten haben, den gesamten Weg durchzuhalten und am Bal zu bleiben. Aber auch aus der grundsätzlich lernbegeisterten Gruppe werden wir unterwegs noch einige verlieren.
    Wo liegt nun der Unterschied zwischen den beiden Situationen? Der für mich augenscheinlichste Unterschied liegt gewiss in der Relevanz. Im ersten Fall ist der Lernbedarf ganz konkret von Belang und ich weiss, dass ich in meiner Arbeit Fortschritte machen werde, wenn ich die entsprechenden Lernerfolge erziele.
    Im zweiten Fall ist die Signifikanz des zu Erlernenden weniger oder möglicherweise noch gar nicht spürbar. Da helfen in der Regel auch ausgefeilt formulierte Lernziele nur sehr begrenzt. So kann das Lernen fern von konkreten Anwendungskontexten eben sehr mühsam, zäh und ineffektiv werden.
    Was kann L&D mit solchen Überlegungen nun anfangen? Ich greife damit das Thema der vorherigen Woche nochmals auf. Im ersten Fall sehe ich die 70 und die 20 Prozent im Fokus, das informelle Lernen also. Und im zweiten Fall die 10% des formellen Lernens.
    Eine Möglichkeit, dem zu begegnen könnte es also sein, für den Fall des vorbereitenden Lernens im Sinne eines konstruktivistischen Vorgehens die Relevanz des Themas für die Lernenden und deren Arbeit zu vermitteln, in dem man beispielsweise in kleinen Geschichten den Nutzen und Mehrwert erlebbar macht. Konkrete Handlungsanweisungen, der eher instruktivistische Teil des Lernens sollten wir uns hier aber lieber sparen, denn aufgrund des Kenntnis- und Erfahrungsstand unserer Teilnehmenden, hat dies noch keine spürbare Relevanz. Solche Inhalte wären also – in möglichst kleinen Einheiten aufbereitet – dann im Sinne eines Learning on demand verfügbar zu machen, wenn sie ganz konkret für die Arbeit benötigt werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass es auf diese Weise gelingen kann, die dem Lernkontext angemessene Motivation zu bedienen.

    • martinlindner

      es hat sehr viel mit der zeit und dem spannungsbogen zu tun. in der Getting Things Done (GTD)-methode des selbstmanagement gilt die maxime, dass man jeden task, der ungeplant daherkommt, dann erledigen soll, wenn er weniger als 2 minuten dauert. man könnte analog zb sagen: löse alle lern-herausforderungen, die bis zu 15 minuten dauern und sich innerhalb von 24 stunden erledigen lassen. (oder ähnlich.)

      sobald es eine “lernreise” ist, ist es ganz was anderes. jetzt ist es de facto ein #projekt, durchaus auch im sinne von GTD übrigens. etwas, bei dem eine konkrete zielerreichung länger als 3 tage dauert und mehr als drei schritte braucht. dazu braucht es ein klares bild dessen, was man tun kann: “next actionable steps” heißt das in GTD.

      genau diese konsequente lernprojektmanagement-sicht gibt es bei lernreisen aber praktisch nie. (und auch bei realen projekten selten, btw.) man könnte/sollte also vielleicht mal eine Getting Learning Done-version schreiben.

  • martinlindner

    wie die anderen auch schon bemerkten: das interessante an dem obigen blogtext ist ja, dass er mit einer emanzipatorischen perspektive beginnt (goethe) und dann doch bei der frage landet, wie man lernunwilligen leuten die bittere pille irgendwie versüßen oder die zumutung, die halt sein muss (aus sicht des managements), irgendwie erleichtern kann,.

    • Julian Schröder

      Da hat sich Goethe wohl an den taoistischen Lehren orientiert. “Tao” bzw. “Dao” bedeutet übersetzt Weg und steht für den Weg, den jedes Individuum selbst gehen muss. Dieser Weg ist individuell, spontan und in jedem Lebewesen vorhanden, also intrinsisch.
      Es ist in dieser Glaubensrichtung ethisch verboten, in den Weg (“Tao”) einzugreifen oder etwas erzwingen zu wollen (“Wu Wei”)
      Was hat das nun mit diesem Thema zu tun?
      Ich sehe das “Tao” als Motivation, die eben nicht von außen gesteuert wird sondern immer intrinsischer Natur sein muss. Ein Steuern von Außen ist nach dieser Lehre unbedingt zu vermeiden.

      • martinlindner

        ja, das ist verwandt, auch wenn ich nicht sicher bin, wie direkt goethe ds rezipiert hat. das subversive serendipity-modell von #lernen, dass goethe im roman “wilhelm meisters lehrjahre” entwirft, ist überhaupt lehrreich. dort gibt es auch eine fürsorgliche organisation, die den lernweg begleitet und (letztlich wenig erfolgreich) zu steuern versucht.

      • Imke Rtmn

        ist mein Gedankengang dann richtig, dass wenn jemand zunächst nur etwas anfängt zu lernen, weil er es muss, dann aber doch Gefallen daran findet, die lernmotivation sich von extrinsisch zu intrinsisch wandeln kann? das ist schon möglich oder? oder bleibt die motivation dann egal wie (zb. weil der erste Lernimpuls von Außen kam) extrinsisch?

        • Julian Schröder

          Hallo Imke,
          Ich würde das so unterschreiben. Ich denke dass es durchaus möglich ist extrinsische Motivation in intrinsische zu verwandeln. Dadurch wird jedoch folgenschwere Frage aufgeworfen: “Wie kann Ich extrinsische Motivation so gestalten, dass diese von Lernenden verinnerlicht und somit intrinsisch wird?!”
          Wie Ich weiter unten bereits kommentiert habe, denke Ich dass eine gemeinsame bzw. individuelle Zielvereinbarung hierfür hilfreich sein kann.

          • Imke Rtmn

            Wunderbar:-) Deine aufgeworfene Frage ging mir auch schon durch den Kopf;-)
            Dann suche ich mal den Kommentar weiter unten von dir:-)

          • Steffen Peter

            Ein schmaler Grad. Ich glaube auch, dass das klappt. Wie auch Frau Venema in ihrem Post geschrieben hat, bedarf es manchmal erst einen extrinsischen Impuls um dann an das “Innere” zu kommen.
            Wissenschaftliche Forschung zeigt leider auch den umgedrehten Effekt, nämlich dass aus einer einstmals intrinsischen Motivation durch externe Motivatoren die Motivation abnimmt. Siehe Korrumpierungseffekt (https://de.wikipedia.org/wiki/Korrumpierungseffekt)

        • Stefan Hoffmann

          Aus eigener Erfahrung: Ich habe auch schon oft angefangen, etwas zu lernen, weil ich es wollte (nenne es Neugier, Interesse,…).
          Leider habe ich auch diese selbstgewählten lernreisen sehr oft abgebrochen, weil mir mittendrin die Luft ausging (bzw. ich anfing, Ausreden zu finden). Und das, obwohl ich das Ziel immer noch als erstrebenswert erachte.

          • Imke Rtmn

            bei dem beispielt stellt sich mir dann aber die Frage: Waren es die richtigen ausgewählten Lernreisen? Woran ist es gescheitert? Wieso wurden Ausreden gefunden? Hat das Interesse nachgelassen oder die Motivation weiter zu machen?

          • Stefan Hoffmann

            Nach dem Ende der intrinsischen Motivation war immer noch ein wenig (manchmal auch mehr) Lernpfad übrig…
            Besseres Beispiel: Ich könnte durchaus 20 kg abnehmen ohne mager zu wirken und würde das auch recht gerne tun. Aber irgendwas in mir scheint es einfacher zu finden, bisherige Essgewohnheiten beizubehalten als sich neue anzugewöhnen (kurz gesagt – ich esse einfach recht gerne!). Und das auch, wenn ich mir 3x täglich mein zukünftiges Ich mit Astralleib visualisiere. Fazit: Hier ist offensichtlich der Wunsch/der Druck abzunehmen nicht groß genug, um ohne Weiteres das Essverhalten umzustellen.

          • Imke Rtmn

            haha ja mit dem Beispiel weiß ich nun was sie meinten und kann dem zustimmen:-)

          • Dieser Schlussfolgerung liegen eine Reihe von Annahmen zu Grunde, die zu reflektieren lohnt: 1. Der Veränderungswunsch ist nicht groß genug. 2. Die Essgewohnheiten sind die Ursache des Problems. 3. Visualisierungen des Wunschzustandes (Astralleib) sind hilfreich. 4. Mehr Neugierde, wahlweise intrinsiche Motivation würde helfen. Andere interessante Hypothesen kommen nicht vor: z.B. Zeit- ider Aufmerksamkeitsmangel wegen anderer wichtiger Themen (Mooc…). Daran scheitern m.E. viele Lern- und Veränderungsvorhaben. Es soll irgendwie anders sein, weil es so nicht so toll ist. Und das Lernen ist mit ein bisschen Neugier und Disziplin ganz leicht. Scheitert so ein Vorhaben, ist schnell die mangelnde Disziplin und die fehlende Neugier schuld und zum Scheitern gesellen sich Selbstabwertungen. Ich plädiere für mehr Demut vor der Mühe des Lernens.

          • Julian Schröder

            Mir hilft es, wenn Ich feste Zielvorstellungen habe.
            Deswegen stelle Ich mir zu Beginn der “Lernreise” die Frage, welches Ziel liegt am Ende meiner Reise?!
            Wie möchte Ich das Ziel erreichen, um bei der Metapher zu bleiben, gehe Ich die Reise mit dem Zug, zu Fuß,… Diese Frage muss natürlich immer angepasst werden, sobald schwieriges Terrain (komplizierte Sachverhalte) vorliegt, muss ggfs, das Reisegefährt (Lernmethode, o.ä.) gewechselt werden.
            Da eine Reise alleine meistens weniger Spaß macht, sollte man sich auch über die Reisepartner Gedanken machen (Stichwort: gemeinsames Lernen).
            Zusätzlich macht man sich bei einer Reise zweifellos auch Gedanken um das richtige Gepäck (Ressourcen).
            Ein gutes Zeitmanagement und ausreichend Pausen runden das ganze ab (Selbstorganisation).

            Ich denke das die “Reise” Metapher durchaus hilfreich sein kann, um den doch eher komplexen Prozess des Lernens zu veranschaulichen.

          • martinlindner

            – waren es isolierte “lernreisen”, oder eingebettet in eine gemeinschaft, die direkt oder auch indirekt ständig feedback gab?
            – hatte die lernreise ein klar ezeichnetes, konkret erreichbares SMARTes ziel innerhalb eines zeitraums von maximal 3 monaten?

          • Stefan Hoffmann

            – es waren isolierte Lernreisen (ich hoffe, dass beim heutigen -Donnerstag-Thema auch herauskommt, dass sozialer Druck und Feedback helfen)
            – Ein Projekt habe ich nicht draus gemacht (also kein T), SMAR wäre es aber gewesen….

          • martinlindner

            ich vermute, dass “soziale einbettung” sehr wichtig ist: man muss quasi jeden tag auch von außen neu darauf gestoßen werden, weiterzumachen. (eher als impuls, nur im ausnahmefall als “sozialer druck”.) und ich glaube, dass komplexere lernreisen ausdrücklich als projekte aufgesetzt und behandelt werden müssten. allerdings müsste man die dazu nötige “agile selbstlernprojektmanagement-toolbox” wohl erst entwickeln.

    • Stefan Hoffmann

      Kann man so interpretieren – muss man aber nicht!
      War auch nicht so gemeint!

      Die Frage, die wir in den Raum stellen ist: Was hält Lerner am Lernen – ist es das Ziel (Reisen um anzukommen), sind es externe Incentives (Boni, Urlaubstage,…) oder wird es einfacher, wenn am Ende das Lernen selbst Spaß macht (Reisen der Reise wegen) – und können wir beim Spaß am Lernen unterstützen (Gamification, Learning out loud Zirkel, Lernnetzwerke,…).

      • martinlindner

        es geht also um die dauer, das “dabeibleiben”, wenn jemand eigentlich schon für sich erkannt hat, das er/sie etwas lernen will, das gesonderte anstrengung verlangt: ein lernprojekt, also. da helfen imho weniger kleine tricks und zuckerl, als eine konsequente sicht des lernens als (natürlich ‘agiles’) projekt, das man entsprechend betreiben und managen muss. man könnte das den leuten vermitteln und sie dann beim eigenen lernprojektmanagement unterstützen. das wäre revolutionär – ich glaube nicht, dass das schon irgendwo geschieht.

        • Stefan Hoffmann

          Bingo!
          Genau nach der Silberkugel, die Leute zum “Dranbleiben” verleitet suchen wir!
          Im Ausdauersport gibt es nach einer anfänglichen Phase der Anstrengung ja die Flow Phase – kriegen wir das auch im Lernen hin?

          Die kleinen Kniffe und Tricks zur Organisation längerer Lernreisen sind morgen Gegenstand der “Schlussetappe”

          • martinlindner

            meine antwort also: die leute _offiziell_ zu projektmanagern ihres eigenen lernens machen. nicht nur als metapher! und sie dabei von anfang bis ende unterstützen. (die komplizierte frage nach dem #flow ist noch einmal etwas ganz anderes, das müsste man eigens diskutieren.)

          • jrobes

            Vielleicht sollte man die Sport-Metapher wirklich einmal konsequent durchspielen. Interessant ist doch zum Beispiel, dass die Rolle des Trainers und Coaches hier weniger verkrampft gesehen wird als in der Weiterbildung. Jahresziele (Wettkämpfe, Bestleistungen) helfen, sich zu motivieren. Trainingspläne sind nichts anderes als Projektmanagement. Wenn ich die Fitness-Portale und Apps nehme, habe ich die Community- und Gamification-Aspekte, die helfen, sich zu motivieren. Kurz: Ich sehe hier mehr Optionen, die nebeneinander stehen und aus denen ich wählen kann und weniger ein Ideal des sich selbst organisierenden Sportlers …

          • martinlindner

            ich fand die mobile “fit for vertrieb”-selbstlern-app von #wüstenrot, die fitness-apps nachempfunden ist, bei näherem hinsehen verblüffend sinnvoll. (ja, der name klingt erst mal schlimm.) eigentlich sollte jeder eine ein fit-for-xxx-trainingsapp haben — am besten eine, in der man das aktuelle xxx jeweils selbst bestimmen kann. und dann holt man sich ressourcen und trainingspläne, usw. das ist dann nicht unbedingt selbst der ort, wo alles lernen passiert, sondern eben eher eine meta-app, die meinen stand, meinen plan und die aktuellen schritte enthält.

  • Charlotte B. Venema

    Ich sehe einen auffälligen Widerspruch zwischen dieser Aussage hier: “Denn unser Gehirn entscheidet sich, wenn man es lässt, doch für den Weg des geringsten Widerstandes – und nutzt jede noch so kleine Ausrede, um Anstrengungen, ungewohnten und unangenehmen Tätigkeiten aus dem Weg zu gehen.” und den Aussagen in den Literaturhinweisen, insbesondere dem Brandeins-Artikel und dem TED-Talk. Die Akademie scheint sich auf die Widerstände zu konzentrieren, die unbedingt überwunden werden müssen. Vielleicht wäre es besser, mal zu schauen, wo es denn läuft und was dort anders ist als bei den ganzen Lernern, die immer wieder Ausreden finden. Man muss eben nicht geradewegs auf die Widerstände losgehen, sondern eher die Wege suchen und ausbauen, die nicht blockiert sind.
    Was motiviert mich? Ehrlich gesagt, ist das in den meisten Fällen überhaupt nicht offensichtlich. Die Vergleiche mit dem Sport von Sylvie Keske hier im Forum sind typisch für die Erkenntnis, dass Motivation immer intrinsisch ist. Ich habe 3 mal in der Wüste so ca. 200 km zurückgelegt, zu Fuß und 1 mal auf dem Pferd. Wenn ich das erzähle, reagieren die meisten Menschen verständnislos. Aber obwohl es nie Spaziergänge waren (eher grenzwertige Anstrengungen) würde ich gleich wieder packen und losfahren. Es war leicht, es war schön, aber was genau hat mich motiviert? Es war das, was ich tun wollte und was viele Menschen um jeden Preis vermeiden würden. Die sollte man dann nicht in die Wüste schicken, die kommen nicht mal über die erste Düne.
    Im Unternehmen sollten natürlich die Ziele oder Interessen des Lerners und des Unternehmens irgendwo eine Schnittmenge haben. Also ist der Spielraum begrenzt, Aber die Widerstände zu fokussieren erscheint mir wenig produktiv, weil die Mitarbeiter ja bereits mit durch Nichttun abgestimmt haben. Manchmal kann man auch Leute in die Wüste schicken und abwarten, ob es ihnen vielleicht doch gefällt. Das ist gar nicht so selten. Aber wenn nicht, dann sollte man es auch gleich wieder lassen.
    Aber ein gewolltes und gefordertes Überschreiten der Komfortzone zeigt auch in Seminaren gute Erfolge. Ich habe das oft genug in Seminaren mit Managern und Pferden erlebt. Spätestens nach 2 Stunden schmilzt die zurückhaltende Skepsis und ein sehr produktiver Lernprozess beginnt. Am zweiten Tag sind auch Menschen, die Angst vor großen Tieren haben (ist ja nicht so unbegründet) wie ausgewechselt. Da braucht man dann nicht mehr zu fragen, wo die Motivation herkommt, jeder würde eine andere Antwort geben.
    Wenn ich ein konkretes Ziel habe, lerne ich sogar als IT-Hasser sehr komplexe Programme handhaben. Nicht, weil ich auf einmal irgendeine Begeisterung für das IT-Programme entwickle (meine Abneigung ist nicht auszurotten), sondern weil die IT mir hilft, andere Dinge zu erreichen. Ich sehe das Ziel hinter der Hürde und die Hürde verliert an Bedeutung.

    • Stefan Hoffmann

      Warum so negativ?
      Nichts von dem, was hier der Akademie zugeschrieben wird sehe ich in dem obigen Blogpost.
      Die Frage ist doch – was hält die eine in der Wüste auf dem Pferd (immer angenommen es war eine selbst gewählte Reise 🙂 oder einen Amateursportler auf dem Triathlonrad während andere ihre Neujahrsziele schon am 2. Januar wieder vergessen haben?

      Flow oder Zieleinlauf?!?! Oder beides?

      Und können wir diese Erkenntnisse auf das selbstgesteuerte Lernen übertragen um unseren Mitabeiter*innen zu helfen, Spass am Lernen zu entwickeln

      • martinlindner

        außergewöhnliche anstrengungen (triathlon usw.) haben nichts mit disziplin zu tun, sondern mit ganz ureigenen psychischen macken. das ist nicht plan- und förderbar. man muss sich auf die normalen, alltäglichen bemühungen konzentrieren, und da hilft extremsport als metapher gar nicht.

      • Charlotte B. Venema

        Ups, wieso wirkt denn der Kommentar so negativ auf Sie? Der Widerspruch zwischen der beschriebenen Demotivation, die wir alle an der einen oder anderen Ecke kennen und den Verweisen auf die Beiträge wie TED, Dan Pink, besteht doch darin, dass wir hier die Advokaten der Umwege haben. Sollten wir uns auf die Widerstände konzentrieren oder lieber die Umwege suchen, bis wir auf eine Form der intrinsischen Motivation stoßen? Der letztere Weg ist leider nur schwer planbar, da letztendlich das Individuum entscheidet. Aber wenn, wird aus einer lähmenden Blockade ein Flow und aus der mühsamen Selbstmotivation ein einfaches Machen. Leider ist das überhaupt nicht planbar und passt nicht in starre Personalkonzepte. Möglicherweise entdeckt der Mitarbeiter seine Begeisterung für Jazz, was einem Heizungsbauer nicht so wirklich weiterhilft. Ich glaube, wir müssen diesen Widerspruch aufheben, aber das geht nur über Handlungsspielräume für das Individuum. Und konsequente Entscheidungen. Wenn nichts, was mit Heizungsbau zu tun hat, den Mitarbeiter in irgendeiner Form motivieren kann, dann sollten sich beide Seiten über kurz oder lang den Gefallen tun, nach Alternativen zu suchen.
        @martinlindner:disqus Doch, ich glaube die Vergleiche zu Extremsituationen können ganz hilfreich sein. Es hängt eben nicht davon ab, ob die Hürde groß oder klein oder schier unüberwindbar ist, sondern von der mentalen Verfassung des Hürdenläufers. Wenn der seichte Alltag die ideale Welt wäre, gäbe es nur so ne Art Beamte mit klar definierten Aufgaben. tatsächlich wollen aber fast alle Menschen einen Sinn in ihren Aufgaben finden. Ganz egal, ob als Arbeiter oder als Unternehmer – und sind dabei auch noch glücklicher, wenn sie herausgefordert werden.

        • martinlindner

          ja, aber #sinn-suche ist ja eben nicht dasselbe wie #extremsport. ich glaube, dass heute in unserer kultur die vorbildfunktion von neurotischen extremcharakteren stark übertrieben wird. das ist bei vielen eine form von realitätsflucht, kommt mir vor. die leute sollten sich nicht an #triathlon orientieren, wenn es um die unangenehm ‘kleinen’, vielfältigen und anders mühsamen herausforderungen im alltag geht.

          • Charlotte B. Venema

            Alles, was ich jemals z.B. von Extremkletterern und -Läufern gelesen und gehört habe, geht in die Richtung Sinnsuche, auch wenn das für mich nicht immer so völlig nachvollziehbar ist. Ich kann z.B. die Begeisterung für Olympiamedaillen nicht nachvollziehen, für diese Sportler ist das aber etwas, was ihr Leben prägt. Auf einer Skala wäre das nah am Limit, aber auch mein Nachbar, der zahllose riesige Kakteen liebevoll auch den Winter bringt und im Sommer auf einem winzigen Stückchen Sonne seines ungünstigen kleinen Grundstücks in Stufen aufbaut, hat etwas entdeckt, was für ihn wichtig ist. Und das ist mehr als Kakteen zu haben. Das für sich bedeutet nur eine Menge Arbeit und würde überhaupt keinen Sinn ergeben. Diese ziemlich undurchsichtigen intrinsischen Treiber findet man in jedem Menschen, auch wenn sie manchmal ziemlich verkorkst sind. Und ja, auch eine zunächst mal nicht so umwerfende Aufgabe wie die Ablage zu sortieren kann auf einmal zu etwas Wichtigem werden, hinter dem ein Sinn steckt. Aber meine Sch… Steuererklärung schiebe ich trotzdem bis zur allerletzten Mahnung raus………

          • martinlindner

            ja, intrinsische-vertrackte motive für eigensinnigste sachen sind das eine. aber #extremsport ist ja etwas besonderes: eine art hyperehrgeizige tunnelvision, ein hochtunen des körpers und des “mentalen”, die es ermöglicht, alles andere auszublenden. deswegen ist das, finde ich, nicht der geeignete vergleichmaßstab. das führt zu einem seltsamen, verengten begriff von leistungsfetischistischem “lernen”. viel lieber nehme ich deinen kakteen-fan als beispiel …

  • Imke Rtmn

    Ich arbeite neben dem Studium mit behinderten Jugendlichen. Eine davon, kommuniziert über Gebärden, kann jedoch hören und lippenlesen. Damit ich also mit ihr kommunizieren kann, musste ich anfangen ihre Gebärden zu lernen (ich selbst muss sie eigentlich nicht können, da sie mich ja hören kann). Angefangen ganz leicht mit dem ABC, damit sie mir weitere Worte und Gebärden beibringen konnte. Der Anfang dieser Freundschaft war vor 1,5 Jahren und ich lernen noch immer. Besonders toll finde ich daran, dass sie mit einer Engelsgeduld mir immer wieder Gebärden zeigt, die ich eigentlich schon kenne (wir sehen uns nur etwa 1x im Monat). Gemeinsam lachen wir, wenn ich alles durcheinander bringe. Gebärden brauche ich nur bei ihr, aber das ist mir egal- ich will viele Neue lernen. So konnte ich mich mit den paar Gebärden sogar auf dem Kirchtag in Berlin kurz mit einer Gehörlosen unterhalten. Solche kleinen Erfolgserlebnisse spornen mich an weiter zu lernen.
    Ich habe mir vor einem Jahr auch eine App aufs Tablett runtergeladen. Nun ist sie da, aber nutzen tu ich sie eigentlich nicht. Wieso auch, ist ja keiner da, mit dem ich das neu gelernte gleich ausprobieren kann.

  • Ich habe mich in den letzten 15 Jahren mit unterschiedlichen Lernformaten (Präsenz, Fernunterricht, eLearning) und unterschiedlichen Anlässen (Meisterausbildung, Aufstiegsfortbildung, Management-Seminare etc.) beschäftigt und viele Menschen in ihren Weiterbildungen begleitet. Meiner Meinung nach ist die Frage der Motivation sehr individuell und die meisten Menschen wissen nicht wirklich was sie motiviert. Das Thema „Sich selbst führen – Ziele erreichen“ ist für mich sehr eng mit dem Lernen verbunden und auch der Vergleich mit der Tour passt für mich 😉 „Man muss sich quälen können“. In solchen Momenten ist es sinnvoll, wenn man das Gefühl des Erfolges abrufen kann, denn es hilft, jegliche Hürde zu nehmen. Wenn ich 120 KM mit dem Rad unterwegs bin, bei KM 105 meine Körner schwinden und ich das Gefühl habe ich muss jetzt einfach aufhören, dann konzentriere ich mich auf mein Hochgefühl am Ziel und meine Selbstwirksamkeit hilft mir zu wissen, dass ich das schaffe, wenn ich jetzt durchhalte. So ist das beim Lernen auch. Es gibt immer Themensegmente, die mich nicht so sehr interessieren, die ich jedoch brauche, um das Ganze zu begreifen… Manche Menschen sind strukturiert und Ihnen hilft es, Meilensteine zu formulieren und sich für die Erreichung zu belohnen. Andere brauchen Anleitung zur Struktur, Ihnen hilft der Austausch mit Peers oder Mentoring.

    Ich wünsche mir sehr, dass Weiterbildner in Unternehmen mehr Zeit für Coaching haben, damit der einzelne Mitarbeiter Gelegenheit bekommt, seine persönliche Art des Lernens und das was ihn motiviert durchzuhalten, zu reflektieren.

    • Mick Dscheggah

      Dem stimme ich voll und ganz zu! Jeder Mensch lernt anders und aus einer anderen Motivation heraus. Ein wesentlicher gemeinsamer Faktor ist dabei aber, glaube ich, die soziale Interaktion. Das kann durch Lernen in der Gruppe geschehen oder durch Anwenden des neu Gelernten in einer Gruppe. Wenn sich hier Erfolge einstellen (in dem Sinne, dass zum Beispiel der Lernerfolg von anderen anerkannt wird, oder die Lerngruppe zusammen wächst und Vertrauen untereinander aufbaut), dann wird Lernen auch als positive Erfahrung gewertet. In der Folge tut man sich dann auch leichter sich auch mal in unangenehmen Phasen zu “quälen”. Ich denke sogar, dass einem das Lernen an sich wesentlich leichter fällt und man auch besser und schneller lernt, wenn das Lernen als etwas Positives erfahren wird. Dann kann sich auch eine intrinsische Motivation entwickeln. Insgesamt wird mir der Begriff des “Lernens” viel zu negativ gesehen – genauso wie die These, dass das Gehirn immer den Weg des geringsten Widerstands geht. Das klingt ein wenig so, als wäre das Gehirn ein fauler Hund, den man zum Lernen zwingen müsse. Dabei ist das Gehirn ja ständig aktiv und lernt, ohne dass man es bewusst wahrnimmt. Daraus erwächst dann auch schnell der Gedanke, dass Menschen grundsätzlich faul wären und “Motivation”, oder besser gesagt Druck “von Außen” benötigten um zu lernen. Das halte ich für sehr fragwürdig. Aus einem solchen Menschenbild heraus lässt es sich dann auch schwer realisieren Konzepte zur Förderung der intrinsischen Motivation zu erstellen. Da werden dann Äpfel mit Birnen verglichen.
      Des Weiteren scheint mir das “Lernen” auch ein Imageproblem zu haben. Und ich denke, das liegt daran, dass die meisten Menschen eine völlig falsche Vorstellung vom Lernen haben, die überwiegend von klassischen Schulformaten geprägt sind. In der Schule findet ja nur wenig Lernen an sich statt. Der Großteil ist Disziplinierung durch Druck und Strafe. So kann sich natürlich kein positives Verständnis von Lernen entwickeln. Dabei ist Lernen unglaublich vielfältig! Das Erweitern des persönlichen Horizonts kann eine sehr schöne erhellende Erfahrung sein und das eigene Selbstvertrauen enorm stärken. Daher denke ich, dass das Lernen dringend positiv aufgewertet und angenehmer gestaltet werden muss. Und da spielen meiner Meinung nach Vertrauen und Anerkennung eine ganz wichtige Rolle.

      • Povoden Werner

        Die Aussage, unser Gehirn sucht sich immer den Weg des geringsten Widerstandes ist im Grunde genommen nicht negative. Er wird durch unsere Gedanken negativ konnotiert. Betrachtet man den semantischen Raum und das Gesetz der Assoziation unter dem Fokus der Hebbschen Lernformel, dann diese Aussage durchaus seine Berechtigung. Ich möchte dies an einem Beispiel aufzeigen.

        Als Grundlage der Betrachtung soll Bezug auf die Hebbsche Lernregel genommen werden.
        Nach dieser ist die Art, wie wir lernen und Informationen merken, verknüpft mit dem Gesetz der
        Assoziation. Das heißt, Neuronen, die einen Begriff repräsentieren, schließen sich zu stabilen
        Verbänden zusammen. Stellen Sie sich nun einen Baum vor, an dem Sprechblasen hängen und in den einzelnen Sprechblasen die Worte ,,Ohr, Trommelfell, Hammer sowie Wellen und Schwingungen” enthalten sind. Ich bezeichne nun jede Sprechblase als neuronales Netzwerk.

        Bei näherer Betrachtung sind sie wahrscheinlich in der Lage, den Begriff Ohr zuzuordnen, ebenso den Begriff Trommelfell. Anders schaut es aus, wenn sie die Begriffe Hammer und Schwingungen bzw. Wellen analysieren möchten. Zwischen den Begriffen Ohr und Trommelfell können Sie eine stabile Verbindung herstellen. Bei den Schwingungen gelingt dies nicht ohne weiteres, da es sich hierbei auch um elektromagnetische Schwingungen oder um Schwingungen des Farbspektrums (z. B. ultraviolette Strahlen) handeln könnte.

        Diejenigen, die im Biologieunterricht aufgepasst haben, können in diesem Kontext den Begriff
        Hammer eventuell auch korrekt zuordnen. Andere verbinden diesen Begriff mit einem Werkzeug.
        Wenn wir nun den Begriff Ohr denken, werden automatisch die neuronalen Netzwerke der Begriffe ,,Ohr, Trommelfell, Schwingungen und Hammer“ aktiviert und in Beziehung gesetzt. Das heißt, ich kann die Bedeutung der Begriffe in mein Bewusstsein transformieren und einem Kontext zuordnen. Dieses Beziehungsnetzwerk bezeichnet man als mentale Struktur.

        Erweitern wir nun unsere Betrachtung, indem wir an den Baum eine weitere Sprechblase
        anordnen, die den Begriff ,,Malleus” enthält. Bevor ich nun diese Diskrepanz auflöse, zitiere ich noch einmal die von Hebb aufgestellte Theorie des assoziativen Lernens. Wenn schwache Impulse (diese liegen vor, wenn wir etwas Neues lernen wollen oder wenn wir mit einem Begriff konfrontiert werden, der uns unbekannt ist, wie der Begriff ,,Malleus”) und starke Impulse (diese entstehen, wenn wir auf bekannte, auf bereits im Gehirn abgespeicherte Informationen oder Begriffe, z. B. Ohr, zugreifen) gleichzeitig aktiviert werden, kräftigen die stärkeren Verbindungen auch die schwächeren.

        Das Wort ,,Malleus“ erzeugt zunächst einen schwachen neuronalen Ausschlag, da der Begriff für viele unbekannt ist und somit dem Wort keine Bedeutung zugeordnet werden kann. So verhält es sich auch, wenn wir in einem Text mit einem Begriff konfrontiert werden, dessen Bedeutungsgehalt uns nicht bekannt ist.

        Das Wort ,,Malleus” ist die medizinisch-lateinische Bezeichnung für Hammer. Sobald ich jetzt
        diesem Wort einen Kontext zuordne, indem ich erkläre, dass der Malleus das kleine hammerähnliche Knöchelchen im Ohr am Trommelfell ist, können sie damit weit mehr anfangen.
        Ergänze ich nun diesen Kontext, indem ich erkläre, dass dieses hammerähnliche Knöchelchen
        die Schwingungen eines gesprochenen Wortes in elektrische Impulse umwandelt, diese in das
        Hörzentrum unseres Gehirns weiterleitet, wird die Beziehung zwischen den einzelnen neuronalen
        Netzwerken ergänzt und noch deutlicher. Die Vorstellung von Hammer, Knochen, Schwingungen usw. sind nun verankert und abrufbar und sie können sich dies bildlich vorstellen, wenn sie dazu noch das Bild sehen, in dem die Anatomie des Ohres abgebildet ist.

        Den zuvor beschriebenen Ablauf bezeichnet man auch als Herstellen eines Assoziationsraumes
        oder mit anderen Worten als holistischen Informationsraum. Was ist nun geschehen?
        Wir haben es in dem Fall mit einer Optimierung der mentalen Struktur zu tun und somit eine
        Lücke in dieser Struktur geschlossen. Vor diesem Hintergrund wird nun deutlich, dass die
        isolierte Fokussierung auf Begriffe nicht sinn- und zielführend ist. Dies hat zwangsläufig
        Auswirkungen auf die Motivation, sich mit den isolierten Begriffen zu beschäftigen. Die
        Motivation wird gemindert, da die Vokabel (Malleus) nicht situationsspezifisch mit den Texten
        korrespondiert, in denen sie zur Anwendung kommt. Wird aber das Wort (die Vokabel) in eine
        lexikalische Einheit gepackt, so mindert sich zum einen die kognitive Belastung und zum anderen wird die Motivation, sich mit dem Text weiter zu beschäftigen, erhöht. Die beim Lesen des Textes entstandene Lücke kann somit durch Inferenzziehung geschlossen werden.

        Dabei ist es unerheblich, ob der Bedeutungsgehalt des Begriffes Malleus zuvor erklärt wurde.
        Mit anderen Worten, der Begriff ist eine Konstruktion, die hilft, die Vielfalt der Reizmuster aus
        der Umwelt zu ordnen. Wie man am Beispiel des Wortes Malleus ableiten kann, haben Worte einen Ort im Raum, in dem sie, wenn sie zum Begriff werden, sich verhalten wie Felder, die sich durchdringen. Worte hingegen, wie sie bei der isolierten Betrachtung von Vokabeln behandelt werden, sind reine Objekte in der Außenwelt und können sich nicht durchdringen, nur die Bedeutungen, die den Worten durch das Einbinden in lexikalischen Einheiten zugeordnet werden, sind dazu in der Lage.

        Betrachtet man diese unter dem Fokus der Reizmuster, so bilden die Worte die Gedanken
        linear ab, wogegen die Semantik diesbezüglich mehrdimensional ist. Worte, unabhängig
        von der gesprochenen oder geschriebenen Sprache, sind also zeitlich streng linear angeordnet.
        Diese Sicht bildet auch ein Kriterium der Abgrenzung zu den Gedanken, bei denen wir
        bedingt durch die Überlagerung der Begriffe mehrere Begriffe gleichzeitig denken können. Die
        zuvor dargestellte Abbildung der neuronalen Netze zeigt auch, dass wir mehrere Begriffsfolgen,
        also Gedanken, gleichzeitig in unserem Bewusstsein haben können, um sie zu vergleichen.

        Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Begriff nur in unserem Kopf besteht, wogegen
        das Wort sich in der Außenwelt befindet, entweder auf Papier oder in Form von Schallwellen.
        Der Kontext spielt folglich die entscheidende Rolle bei der Interpretation der Worte und somit
        bei der Konstruktion der Sätze für die korrekte Interpretation. Deutlich wird dieser Zusammenhang, wenn man sich in die Antike zurückversetzt, in der die Gesellschaft mehrheitlich
        noch aus Analphabeten bestand. Blickt man auf die Hebbsche Lernregel zurück, wird ersichtlich,
        dass die Interpretation eines Begriffs ein viel aktiverer Vorgang ist als die isolierte Betrachtung
        eines Wortes. Die Interpretation eines Begriffes erfolgt aus dem Inneren heraus auf Basis der neuronalen Netzwerke und der Beziehungen, die diese miteinander eingehen. Weiterhin auch aus dem aktuellen Umfeld, der Umgebung und den aus diesen assoziierten Erwartungen.

        Mit dem bis hierher erfolgten theoretischen Abriss kann folglich aufgezeigt werden, dass der
        Kontext die Wahrnehmung und das Verstehen von Worten sowie der Begriffe und Gedanken
        steuert.

        • Mick Dscheggah

          Vielen Dank für dieses sehr aufschlussreiche Beispiel! Ich gebe Ihnen vollkommen recht, mir ging es in meinen Ausführungen auch um die negative Interpretation dieser Aussage. Ich habe diese Aussage hier im Kontext der gestrigen Aussage “es gibt neugierige und nicht-neugierige” gesehen. In meiner Wahrnehmung der Diskussionen in dieser Woche hat sich für mich einfach ein diffuses negatives Bild zum Lernen und der Bereitschaft dazu aufgezeigt. Und diesem Bild wollte ich mit meinem Beitrag etwas entgegen setzen.

      • Julian Schröder

        Ich stimme den Aspekten von Mick Dscheggah auf jeden Fall zu! Das Lernen wird immer negativ gesehen, als etwas das unangenehm ist und viel Zeit kostet. Lernen erfordert Disziplin und macht keinen Spaß. Ich denke diese Aspekte kommen zum Tragen, wenn nur extrinsische Motivation vorhanden ist. Erst durch intrinsische Motivation ist es so, dass mir das Lernen Spaß macht und für mich eher positiv konnotiert ist.
        Ich möchte das Ganze jedoch noch um den Aspekt des Lernziels erweitern. Ich denke dass dadurch auch das Image des Lernens verbessert werden könnte. Das bedeutet für mich, dass den Lernenden zu Beginn gezeigt wird, was der Zweck des Lernens ist oder besser gesagt was das Ziel ihrer Bemühungen ist. So kann die von außen kommende extrinsische Motivation in intrinsische Motivation transformiert werden. Mir ist es persönlich immer leichter gefallen mich intrinsisch zum Lernen zu motivieren wenn Ich das dahinter stehende Ziel gewusst habe. Dieser Aspekt hat mir vor Allem in der Schule gefehlt. Es war für mich nicht sonderlich motivierend wenn es beispielsweise um höhere Mathematik ging und Ich einfach nicht wusste wozu Ich das lerne und was Ich damit anfangen kann. Mir hat dadurch auch immer der Praxisbezug gefehlt. Hätten mir damals meine Lehrer gesagt, dass die höhere Mathematik auch beispielsweise in Videospielen zur Anwendung kommt, hätte Ich zumindest schon mal ein Bild davon gehabt, wozu Ich das gelernte anwenden könnte.
        Ich denke in der Weiterbildung ist dieser Aspekt oftmals schon gegeben. Man bildet sich schließlich in seinem Bereich weiter aus und kann sich deswegen schon ein Bild davon machen, wozu man das (Neu-) Gelernte anwenden kann. Es kann trotzdem nicht schaden, wenn zu Beginn eines Weiterbildungsangebotes, der Lernzweck/ das Lernziel klar dargelegt wird. Noch bessere wäre es, wenn dieser Punkt gemeinsam, demokratisch mit allen Teilnehmenden besprochen und ausgehandelt wird und sich jeder gegebenenfalls ein individuelles Lernziel formulieren kann. Dadurch wird ein innerer Bezug hergestellt, was der Motivation förderlich ist. Ich lerne nicht das was mir vorgegeben wird, sondern das was Ich als Individuum lernen möchte. Vertrauen und Anerkennung sind an dieser Stelle natürlich auch unverzichtbar.

        • Steffen Peter

          Hier bietet sich die TZI als Methode absolut an! Das Beispiel mit der Mathematik gefällt mir sehr gut!

        • Imke Rtmn

          Gerade beim letzten Absatz hatte ich folgenden Gedanken: Wenn gemeinsam in der Gruppe jeder sein individuelles Lernziel festlegt ist das ja schön und gut, aber wäre es nicht auch toll, wenn der Lehrende flexibel darauf eingehen würde und ggf. den Ablauf der Weiterbildung den Ziele anpassen würde? (Achtung! Etwas pessimistisch gedacht) Vielleicht kommen die Teilnehmer mit Erwartungen in das Angebot, haben ein Lernziel, können dieses aber nicht erreichen, da es inhaltlich doch in eine andere Richtung ging.
          Wenn die TN dagegen Wünsche oder Anmerkungen zum Ablauf der Weiterbildung haben und diese vom Lehrenden im Rahmen des Möglichen umgesetzt werden, könnte ich mir vorstellen, dass die TN mit einem positiven Gefühl dem Lernen in der Gruppe gegenüber stehen und gerne auch mal ein Thema besprechen, welches nicht ganz so interessant/relevant für sie ist.

        • Steffen Peter

          Was ist aber wenn das Ziel oder der Lernzweck eigentlich keine Relevanz bzw. keinen Wert für mich individuell hat?

          • Julian Schröder

            Darin liegt ja in der Schule schon das Problem. Wenn der Lernzweck keine eigene Relevanz hat, fällt das lernen schwieriger. Denn genau dann liegt keine intrinsische Motivation vor. Lernprozesse können zwar auch ausschließlich extrinsisch motiviert sein und funktionieren. Das erfordert jedoch mehr Disziplin und Aufwand. Schnell kann sich dann eine Art Lethargie einstellen, frei nach dem Motto: “Warum lerne Ich das Ganze überhaupt. Worin liegt hier mein Mehrwert?”
            Ich meine das wir hier auf einen wichtigen Punkt gestoßen sind. Viele Lernprozesse scheitern , weil es nicht geschafft wurde bei den Lernenden eine intrinsische Motivation zu erzeugen.

          • Monika Schlatter

            Aber ist es wirklich immer möglich, intrinsische Motivation zu erzeugen? Zum Beispiel Orthographie in einer Fremdsprache. Ich kann es ja verstehen und sprechen, und mein Gegenüber hat meinen Text sogar verstanden- warum muss dieser jetzt auch noch richtig geschrieben sein? Ich hätte da noch viele Beispiele 😉

          • Roland Pantke

            intrinsische Motivation erzeugen funktioniert glaube ich nicht…

      • Steffen Peter

        Sehr interessante Beiträge.

        @mickdscheggah:disqus Die Aussage: “Daraus erwächst dann auch schnell der Gedanke, dass Menschen grundsätzlich faul wären und “Motivation”, oder besser gesagt Druck “von Außen” benötigten um zu lernen. Das halte ich für sehr fragwürdig.” lohnt der weiteren Diskussion aus meiner Sicht.
        Hält man es mit K.Lewin benötigt eine Handlung einen inneren Unruhezustand und passende Umweltreize, die diesen Zustand mildern können. Wenn aber kein Unruhezustand (vielleicht das Konstrukt Neugier aber auch ein sonstiger “Trieb”) da ist, glaube ich schon, dass der Mensch eher faul ist.

        • Mick Dscheggah

          Das ist ein gutes Argument. Allerdings wäre hier die Frage ob es so etwas wie ein dauerhaftes Abhandensein dieses Unruhezustands wirklich gibt, oder ob sich Ruhe- und Unruhezustände nicht vielmehr abwechseln. Hinzu kommt, dass die Umweltreize unter Umständen mit dem inneren Unruhezustand (welcher ja zum Beispiel auch Angst sein könnte) wenig kompatibel sind, und sich dadurch eine entsprechende Handlung schwieriger gestaltet. Handeln kann ja manchmal auch Nicht-Handeln sein. Mir ging es in meiner Aussage aber vor allem um den Druck “von Außen”, der ja, als Leistungsdruck, nahezu jedem Menschen in unserer Gesellschaft nur allzu bekannt sein dürfte. Leistungsdruck kann oftmals auch Angst vor dem Scheitern erzeugen – und Angst ist ein ziemlicher Lern- und Leistungshemmer. Wenn wir nun auf K. Lewin zurückkommen, die äußeren Reize als Druck wahrgenommen werden und sich Angst als innerer Unruhezustand einstellt, kann das auch zum Beispiel eine Art “Fluchtverhalten” zur Folge haben. Und das könnte sich wiederum in Leistungs- oder Lernverweigerung der Person zeigen. Darüber hinaus bin ich kein Fan von Selbstoptimierung. Ich betreibe sie zwar schon auch selbst (sonst würde ich wohl neben meiner 30 Stunden Woche nicht noch ein Vollzeitstudium absolvieren), aber nicht um jeden Preis und auch nicht weil dies etwa von mir erwartet würde. Ich finde es sogar vielmehr unverzichtbar, dass der Mensch hin und wieder mal faul ist und nichts tut. Ich glaube es braucht hin und wieder einfach auch Leerlauf um wichtige Reserven für andere, schwierigere Phasen aufzubauen. Das müsste in einem Unternehmen meiner Meinung nach auch (vor allem auch mit Blick auf die explodierenden Burnout-Raten) deutlich kommuniziert werden.

          • Steffen Peter

            “Faul” war hier auch gar nicht abwertend gemeint. Mir ging es eher um den motivatorischen Aspekt. Die Phase des “nicht erregt seins” ist für den Organismus ja total gut und wichtig, aber ich denke um im Ausgangsbild zu bleiben auch ein Faktor innerhalb seiner Komfortzone zu bleiben. Lewin beschreibt übrigens das Fluchtverhalten (aus dem Feld gehen) in seiner Feldtheorie sehr treffend.

        • Monika Schlatter

          Diese Ansicht des Unruhezustandes und der Umweltreize gefällt mir sehr und ersetzt bei mir ab sofort die Komfortzone und auch Begriffe wie Neugier, bei der ich in dieser Diskussion bemerkt habe, dass unterschiedliche Definitionen/Wahrnehmungen vorhanden sind. So lernt bei mir zB ein Kind nicht aus Neugier laufen, sondern wegen des Unruhezustandes, dass es “stationär” ist, während andere sich sich frei bewegen und sich ein Spielzeug selbst holen können. Das muss man natürlich auch können (auch, um die gleichen Vorteile wie die anderen zu haben) und deswegen ahmt das Kind das Verhalten nach.
          Was heisst das für Lehrende? Sie können die passenden Umweltreize bereitstellen, aber können sie auch bei anderen einen innere Unruhe erzeugen?

      • Ich stimme dir 100%ig zu! Danke für deine Perspektive 🙂
        Ich möchte an dieser Stelle auch an den Vortrag von Gerald Hüther “Discovery Your Potential” erinnern https://www.youtube.com/watch?v=4CaWKQmPQFI. Die 53 Min sind gut investiert und auch sehr kurzweilig 🙂

  • Martin Geisenhainer

    Was mich bei der Stange hält, ist der Austausch mit anderen, die sich dem Thema widmen. Und zwar ein Austausch, bei dem sich Geben und Nehmen die Waage halten. Das ergibt dann eine wohltuende Mischung aus Profit und Wirksamkeit, die eine nachhaltig intrinsische Motivation bewirken kann. Insbesondere bei lebendigen Communities (wie zum Beispiel dieser hier) ist jedoch die Kehrseite der Medaille die Menge an Input, die jeweils bewältigt werden muss. Umso mehr, wenn man mal ein oder zwei Tage nicht mitmacht.

    • Diesen Effekt machen sich z.B. auch Fitness-Apps (z.B. Freeletics) zunutze. dort wird die Leistung (Beteiligung) geposted und anderen Teilnehmer honorieren/kommentieren dies. Ist eine Mischung aus Wettbewerb und sozialem Gruppendruck (mit allen positiven/negativen Aspekten). Funktioniert aber nur wenn man sich dafür entscheidet “sichtbar” zu sein.