Bildungsmanagement im Corporate Learning 2.0

Bildungsmanagement ist als Teilgebiet der Wirtschaftspädagogik ein noch relativ junges Handlungsfeld. Die Herausforderungen für das zukünftige Bildungsmanagement in den Unternehmen liegen darin, die grundlegenden Veränderungen in Gesellschaft und Unternehmen mit voraussichtlich immer knapper werdenden Ressourcen zu bewältigen. Besondere Bedeutung hat hierbei die Entwicklung zu selbstorganisierten Lernprozessen. Deshalb kann Bildung nicht im engen Sinn „gemanagt“ werden, vielmehr geht es darum, individuelle Lernprozesse im Rahmen gemeinsamer Ziele zu ermöglichen.[1]

Auf der Makroebene sind die Rahmenbedingungen der Organisation für Kompetenzentwicklung und Lernen zu gestalten. Wie kann die Bildungsorganisation als lernende Organisation ihre Entwicklungsfähigkeit steigern? Wie können die Strukturen des Lernens weiter entwickelt werden? Mit welchen Maßnahmen können die Strukturen und Kulturen so verändert werden, so dass lernförderliche Rahmenbedingungen entstehen?

Auf der Mesoebene werden die Bildungskonzepte und -prozesse sowie deren Implementierung in einem dynamischen Prozess bestimmt. Eine besondere Rolle wird hierbei zukünftig die Gestaltung von Ermöglichungsrahmen für die Kompetenzentwicklung und das kompetenzorientierte Wissensmanagement, „bottom-up“, spielen

Auf der Mikroebene wird eine professionelle Lernbegleitung sicher gestellt, indem der erforderliche Kompetenzaufbau der Learning Professionals, also des heutigen Bildungspersonals, ermöglicht wird.

Bildungsmanager  müssen deshalb in besonderem Maße der Lage sein, Innovationen konsequent zu managen. Überträgt man die Erkenntnisse aus dem Innovationsmanagement, aber auch unsere eigenen Projekterfahrungen (z.B. im Projekt Next Education der Deutsche Bahn AG) auf die Gestaltung von Entwicklungsprozessen im Bildungsbereich, können fünf zentrale Handlungsbereiche abgeleitet werden [2]

  1. Bildungsmanagement ist Innovationsmanagement

Die Organisation von Bildungsprojekten muss in hohem Maße flexibel und weitgehend unabhängig von der Ablauf- und Aufbauorganisation des Unternehmens sein. Notwendige Voraussetzung ist ein eigenes Budget, das die flexible Umsetzung von Erhebungen und Recherchen, aber auch von Pilotprojekten und Prototypen ermöglicht. Die meist übliche fixe Begrenzung der Projektlaufzeit wird obsolet, weil die Implementierung in einen laufenden, dynamischen Prozess mündet.

Projektmanager in erfolgreichen Bildungsprojekten handeln mutig und proaktiv, auch wenn dies weitreichende Konsequenzen nach sich führt. Es  benötigt unternehmerische Kompetenzen und Entscheidungsspielräume, Risikobereitschaft und Offenheit für Ideen und Inspiration. Innovationsprojekte im Bildungsbereich stellen deshalb höchste Anforderungen an das Projektmanagement, das erfahren genug sein muss, um die Projektarbeit an den Bedürfnissen und den realen Möglichkeiten des Unternehmens auszurichten, gleichzeitig aber auch offen für radikale Veränderungen sein muss. Die aktive und symbolische Unterstützung durch die Unternehmensleitung ist dabei zwingend notwendig.

  1. Bildungsmanagement erfordert eine laufende Bedarfsanalyse.

Es sind ausreichend Zeit und Energien in die systematische und laufende Analyse der relevanten Trends im Prozess der Arbeit und damit der Mitarbeiterentwicklung, aber auch der allgemeinen Bildungstrends und der relevanten Lerntechnologien sowie der Erkenntnisse der Lern- und Hirnforschung zu investieren.

Dabei wird das Verständnis der Markt- und Technologiedynamik der externen und internen Bildungsexperten, aber auch von Fach- und Führungskräften, mit einem breit ausgelegten Portfolio an Suchfeldern verbunden. In dieser Phase kann aus den strukturierten Auseinandersetzungen, die durch unterschiedliche Blickwinkel entstehen können, eine hohe Entscheidungsqualität geschaffen werden.

  1. Bildungsmanagement benötigt ein Netzwerk interner und externer Experten sowie eine Infrastruktur für kollaboratives Arbeiten und Lernen 

Für die Analyse, Konzeption, Entwicklung, Umsetzung und Implementierung werden Projektpartner benötigt, die funktionsübergreifend und effizient auf gemeinsame Ziele hin arbeiten können. Eine besondere Rolle spielt die Zusammenarbeit von Fach- und Führungskräften aus dem Unternehmen mit internen und externen Bildungsexperten, die in einem kollaborativen Prozess Erfahrungen aus dem eigenen, aber auch aus anderen Unternehmen in die Projektarbeit integrieren können. Die pädagogischen Experten benötigen neben ihrer analytischen und konzeptionellen Kompetenz die Fähigkeit, Lernlösungen für die einzelnen Lernarrangements rasch und effizient gemeinsam mit Fachkräften aus dem Unternehmen umzusetzen und zu optimieren. Deshalb werden daneben auch Experten aus dem Bereich der Lern-Infrastruktur und der Medienentwicklung in die Projektarbeit mit einbezogen.

Zukünftiges Lernen im Betrieb wird immer mehr im Arbeitsprozess stattfinden. Deshalb sollte die gesamte Projektarbeit über eine Soziale Lernplattform abgewickelt werden, die alle wesentlichen Elemente der angestrebten Lernlösungen enthält. Diese Lern-Infrastruktur wird somit entsprechend der Projektergebnisse laufend durch die Projektteam-Mitglieder weiter entwickelt. Diese und die ersten Lerner sammeln bereits in der Projektarbeit erste Erfahrungen, die sie regelmäßig reflektieren, so dass das System laufend optimiert wird.

  1. Bildungsmanagement basiert auf grundlegend veränderten Geschäftsmodellen

Während die bisherige Bildungsarbeit in Unternehmen zentral durch eine Personalentwicklung oder Bildungsakademie in Verbindung mit den Führungskräften gesteuert wurde, werden zukünftig die Mitarbeiter ihre Kompetenzentwicklung immer mehr eigenverantwortlich und selbstorganisiert gestalten. Deshalb benötigen zukunftsorientierte Bildungssysteme radikal veränderte Geschäftsmodelle.

Die Lerner wandeln ihre Rolle vom konsumierenden Seminarteilnehmer zum selbstorganisierten Lerner. Die Struktur der heutigen Bildungsanbieter wird sich deshalb in Richtung eines Servicebereiches verändern, der selbstorganisierte Lernprozesse am Arbeitsplatz und im Netz ermöglicht. Dafür werden fundamental veränderte Anforderungsprofile für zukünftige Bildungsmanager benötigt, vom Trainingsentwickler zum Gestalter von Ermöglichungsrahmen, vom Trainer zum Lernbegleiter und vom Vorgesetzten zum Entwicklungspartner der Mitarbeiter. Deshalb bietet es sich an, in der Implementierungsphase völlig neue Strukturen im Bildungsbereich zu schaffen und mit der Auswahl sowie Kompetenzentwicklung der heutigen Bildungsverantwortlichen in Hinblick auf die zukünftigen Anforderungen  zu beginnen.

Dies wird nicht ohne Widerstände ablaufen. Ein Teil der bisherigen Bildungsplaner oder Trainer wird für die innovative Bildungskonzeption nicht motiviert und/oder geeignet sein. Andererseits wird die betriebliche Bildungsarbeit nunmehr für Mitarbeiter und Führungskräfte aus den Geschäftsbereichen attraktiv, die sich bisher dafür nicht interessiert haben, weil ihnen das klassische Trainingsgeschäft nicht attraktiv erschien. Da zu erwarten ist, dass der Bedarf an Mitarbeitern im Bildungsbereich deutlich zurück geht, besteht bei dieser Umstrukturierung die Chance, die besten Kompetenzmanager und Lernbegleiter auszuwählen und ein hoch kompetentes und motiviertes Team aufzubauen.

Auch das Abrechnungsmodell für die Bildungsarbeit ist zu überprüfen. Das Buchungsverfahren, häufig über die Genehmigung des Vorgesetzten, ähnlich wie in einer Volkshochschule, wird den Anforderungen innovativer Lernkonzeption mit hoher Selbstorganisation und Lernen bei Bedarf nicht mehr gerecht. Deshalb werden grundlegend neue Verrechnungsmodelle benötigt. Eine Möglichkeit besteht darin, die Nutzung des Ermöglichungsrahmens über eine „Flatrate“ anzubieten.

  1. Bildungsmanagement ist ein permanenter Veränderungsprozess ohne Enddatum

 Das Bildungsmanagement schafft tendenziell ein Portfolio, das die Lern-Infrastruktur und Bildungsprodukte zur individuellen Entwicklungsplanung, im Bereich der formellen und informellen Lerninhalte, der Kommunikation und Dokumentation sowie der laufenden Rückmeldungen mit Serviceleistungen im Bereich des Coaching von Mitarbeitern, von Arbeits- und Lerngruppen sowie von Führungskräften mit dem Ziel der individuellen und gemeinsamen Lernprozess-Optimierung verknüpft. Es wird sich ein dynamisches System entwickeln, das sicherstellt, dass sich dieser Lernrahmen laufend aufgrund der Rückmeldungen aller Beteiligten optimiert. Die ständige Veränderung wird zur stabilen Größe, so dass der Bildungsbereich zum Vorreiter der notwendigen Veränderungen im Unternehmen wird.

Es ist notwendig, innovative Bildungsprojekte aus ihrer „Schönwetter-Ecke“ zu bringen. Kompetenzmanager müssen bereits bei der strategischen Planung als Partner mit einbezogen werden, damit sie die notwendige Kompetenzentwicklung zur Umsetzung der strategischen Maßnahmen rechtzeitig initiieren und ermöglichen können. Dies setzt eine entsprechende Kompetenz und ein hohes Standing der Kompetenzmanager voraus.

[1] Vgl. dazu Seufert, S., 2013

[2] Vgl. dazu Engel, K.; Graff, J. in FAZ 8. 9. 2015 V8