Von der Lernreise zur Forschungsreise: Wie funktioniert das Format?

Ihr kennt alle Lernreisen in den unterschiedlichen Ausprägungen: Man trifft sich regelmäßig über einen definierten Zeitraum, um sich intensiv mit einem Thema zu beschäftigen – primär für sich selbst, den eigenen Horizont und die persönliche Praxis.

Doch was passiert, wenn wir diesen Ansatz erweitern? Wenn wir nicht mehr nur individuell reflektieren, sondern gemeinsam neues Wissen für die gesamte Community schöpfen wollen?

Dann bricht man auf zu einer Forschungsreise. Das wollten wir in der Corporate Learning Community Austria mit uns selbst versuchen.

Am 23. März sind wir mit einem Kick Off gestartet, am 2. Juli haben wir den Close Down gefeiert. Wir waren in zwei Gruppen zu je 6 Personen unterwegs – eine Gruppe widmete sich dem Themenbereich „Lernkultur sichtbar machen“, die andere dem Thema „Selbstbestimmtes Lernen (ökonomisch) zu rechtfertigen“

Was ist eine Forschungsreise?

Der essenzielle Unterschied zu Lernreisen liegt im gemeinsamen Anspruch, gewonnene Erkenntnisse öffentlich zu teilen. Während die klassische Lernreise im eigenen Kontext verbleibt, tritt eine Forschungsreise an, um etwas Relevantes, Weiterverwertbares und Kommunizierbares nach außen zu tragen. Es geht darum, greifbare Erkenntnisse zu stiften, an denen andere Gruppen oder spätere Reisen nahtlos weiterarbeiten können. Aus dem individuellen Lernweg wird ein kollektives Erschaffen.

Wie läuft das Ganze ab?

Das Format basiert auf einem klaren, verbindlichen Rhythmus, der Orientierung bietet, ohne die explorative Offenheit zu erdrücken:

  • Der Kick-off: Zu Beginn kommen die Praktiker:innen (z. B. in einem hybriden Event) zusammen, um erste Ansatzpunkte, brennende Fragen und konkrete Forschungsfelder abzustecken. Hier formieren sich die agilen Kleingruppen.
  • Der 13-Wochen-Takt: Die Gruppen committen sich auf wöchentliche, exakt einstündige Sync-Meetings (z. B. jeden Montagabend). Ergänzend investiert jede:r ca. ein bis zwei Stunden asynchron pro Woche für die individuelle Recherche.
  • Die Dreiteilung der Reise: Damit sich niemand verzettelt, folgte unser Weg – zumindest in einer der Gruppen – einer klaren Logik: Das erste Drittel dient dem zähen Schärfen der konkreten Forschungsfrage. Im zweiten Drittel wird tief geforscht und zusammengetragen. Das letzte Drittel ist für das Strukturieren und Sichtbarmachen reserviert.
  • Boxenstopp & Close Down: In der Mitte der Reise sorgt ein Boxenstopp für gegenseitige Orientierung. Am Ende steht der gemeinsame Close Down, bei dem die Reise reflektiert wird.

In beiden Gruppen haben wir in den 13 Wochen (noch) keine kommunizierbaren Ergebnisse produziert, da war unser Anspruch wohl zu hoch. Diese erarbeiten wir in einem „Nachspiel“ über den Sommer. Also, sty tuned, da kommt echt Großartiges!

Das Geheimnis des Erfolgs

Eine Forschungsreise lebt von einem gemeinsamen Online-Board, transparenten Transkripten verpasster Sessions und vor allem vom Ablegen jeglicher Entschuldigungsroutinen („Sorry, ich konnte nicht so viel in dieser Woche bearbeiten, wie gedacht“). Die wichtigste Prozesserkenntnis lautet hier: Die Summe von Wenig ist Viel. Jede:r liefert, was er oder sie gerade kann – und am Ende entsteht genau dadurch ein echtes Gemeinschaftswerk.

Mehr über meinen persönlichen Erstbericht findet ihr auf meinen Blog „Personaleum„. Hier findet ihr einen Nachbericht sowie ein Testimonial von zwei der Forschungsreisenden.

Nachbericht von Sonja Lengauer – „Ich bin wieder da – von einer Forschungsreise

Als ich im Mai erzählte, dass ich an einem Montag verhindert sei, weil ich auf Forschungsreise sei, kam sofort die Frage: „Wohin geht es?“ Die Antwort überraschte meist. Denn es war keine Reise im klassischen Sinn – ohne Koffer, Flugticket oder Zeitzonenwechsel. Trotzdem bleibe ich dabei: Ja, ich war auf Forschungsreise. 

Wikipedia definiert eine Forschungsreise als eine Reise zur Vertiefung von Erkenntnissen und Fertigkeiten auf einem Fachgebiet oder zur Erforschung wenig bekannter Regionen. Genau das haben wir in den vergangenen 13 Wochen getan – nur nicht geografisch, sondern gedanklich. 

Mitte April starteten wir zu sechst unsere Reise. Uns verband das Interesse an Corporate Learning und die Bereitschaft, gemeinsam einer Forschungsfrage nachzugehen. Fallweise baten wir den:die „Mitarbeiter:in KI“ zur Mitarbeit. Der größere Rahmen wurde durch die CLCA mit Kick-off im März, Boxenstopp im Mai sowie Abschluss und Reflexion im Juli geschaffen.  

Von Beginn an war Freiwilligkeit unser zentrales Prinzip. Jede Idee, jeder Beitrag und jede investierte Minute waren willkommen, aber nie verpflichtend. Wer Zeit und Interesse hatte, bearbeitete eine Forschungsunterfrage und brachte die Erkenntnisse in der jeweils passenden Form ein. Wer konnte, nahm an den wöchentlichen Treffen teil. 

Gerade für diese offene Arbeitsweise waren klare Vereinbarungen entscheidend: Wie kommunizieren wir? Wie treffen wir Entscheidungen? Wo dokumentieren wir Ergebnisse? Welche Route nehmen wir uns für die 13 Wochen vor? Besonders wertvoll war dabei die Verlässlichkeit im Umgang mit Zeit. Pünktlicher Start um 18 Uhr mit Check-in, Abschluss um 19 Uhr mit Check-out. Dazwischen lagen aktives Zuhören, gemeinsames Nachdenken und die Entwicklung neuer Ideen. 

In der abschließenden Retrospektive zeigte sich, was diese Reise besonders gemacht hat: Obwohl wir eine diverse Gruppe waren und uns teilweise kaum kannten, entstand von Beginn an eine produktive Zusammenarbeit. Schritt für Schritt erzielten wir Forschungsergebnisse – und gleichzeitig fühlte sich der gesamte Prozess erstaunlich leichtfüßig an. 

Es war eine spannende und lehrreiche Forschungsreise. Über die Ergebnisse werden wir zu gegebener Zeit berichten. Die wichtigste Erkenntnis schon heute: Forschungsreisen brauchen nicht zwingend Koffer, Flugtickets oder neue Zeitzonen. Manchmal führen sie vor allem zu neuen Perspektiven, gemeinsamen Erkenntnissen und in bislang unbekannte gedankliche Regionen. 

Testimonial von Valerian Stöger – „Forschungsreise – Wissenschaft, die Spaß machen darf

Ich kam in die Forschungsreise zum Thema “Zweckfreies Lernen” ohne Vorerfahrungen mit Lernreisen – quasi Level eins gleich übersprungen. Auch bin ich mit leichter Verspätung eingeladen worden, also nach dem Kick-Off. 13 Wochen, jeden Montagabend eine Stunde online Treffen zur Abstimmung und um das Thema Lernen soll es gehen – also sage ich natürlich: “Ja.”. 

Besonders gefallen hat mir von Anfang an die Unterschiedlichkeit in der Forschungsgruppe: Personaler:innen, Unternehmensberatende, Coaches, … unterschiedliche Alter und Perspektiven. Eine kurze Check-In Runde zum Vorstellen öffnet den Raum. Danach — für mich besonders wichtig – die Erwartungen abklären und einen groben Rahmen setzen, der unsere Reise in Phasen einteilt: definieren, explorieren, synthetisieren, finalisieren. Weiters für mich besonders wichtig: Jede Person gibt so viel sie möchte und kann. Wir arbeiten eigenverantwortlich. 

Danach scheint unser Headquarter auf Mural immer mehr Zubauten zu gewinnen. Über die Wochen wächst ein Palast an Ideen, Ressourcen, Erkenntnissen. Und wie das so ist, kommen auch wir irgendwann drauf, dass man nicht in 300 Zimmern gleichzeitig wohnen kann – also: synthetisieren. Die Aufgaben scheinen sich wie von selbst aufzuteilen, KI ist eine große Hilfe schnell und viel zu schaffen. In der Eindampfung zu trennscharfem, brauchbarem Material ist dann doch wieder die menschliche Intelligenz gefragt. Die Wochen vergehen. Ich schätze besonders die fruchtbaren Stunden unserer Treffen Montagabends. Diese Art Termin, aus der ich mit mehr Energie hinaus gehe, als ich vorher hatte. So langsam gehen wir Richtung Zielgerade und Produkterstellung: Was kommt hier eigentlich raus. Die Reichhaltigkeit und explosive Kreativität des Murals wird in ein gutes altes Word Dokument transferiert. Ich schnappe mir die ehrenhafte Aufgabe die verschiedenen Vorleistungen in ein gemeinsames Dokument zu füllen, was wir nun gemeinsam editieren. Zuletzt noch eine analoge Session, wo wir mit Freude, an einem großen Tisch und jetzt — für mich das erste Mal – in Person, A4 Zettel mit den Kapiteln hin- und her schieben und uns die Arbeit aufteilen. 
Das Endprodukt ist etwas, das man lesen kann. Für mich – ganz ehrlich – auch eher nebensächlich. Es ist schön, so wie die Kirsche auf dem Eisbecher oben drauf, dass wir ein Produkt haben, was uns an den Prozess erinnert. Für mich steht aber der Prozess auf jeden Fall im Vordergrund. Die 13 Wochen, die Aufmerksamkeit in meinem alltäglichen Leben, wo immer wieder Hinweise auftauchen, die etwas mit unserem Thema des zweckfreien Lernens zu tun haben. Der Austausch, das wie magische Entstehen von Output, das viel gesagte Mehr-Als-die-Summe-seiner-Teile. 

Nach den Erfahrungen, die ich auf der Uni mit wissenschaftlichem Arbeiten gemacht habe, ist diese Forschungsreise für mich ein wohltuender Gegenpol, der sich wunderschon kreativ und verbindend anfühlt. Forschung, wie ich sie mir wünsche mit kreativer Reibung, Unterschieden, Höhen und Tiefen und einer Kirsche oben drauf.