Ist das noch Lernen – oder kann das weg?

Beim CLC Lunch & Learn im Juni stand das Thema „Exnovation” im Mittelpunkt. Anja C. Wagner hat im Nachgang zu ihrer Barcamp-Session zur Frage „Was kann weg in der L&D-Praxis?“ beim Corporate Learning Camp 2026 die Community befragt und damit eine Grundlage für weitere Diskussionen geschaffen [1].

Der Begriff Exnovation ist im Kontext des Corporate Learnings noch relativ jung. Es lohnt sich deshalb, ein paar Worte dazu zu verlieren. Die Exnovationsdebatte im Corporate Learning entsteht aus einer einfachen, aber folgenreichen Beobachtung: Organisationen führen häufig neue Lernformate, Plattformen, Tools und nun auch KI-Anwendungen ein – doch sie schaffen kaum etwas bewusst ab. Was einmal eingeführt wurde, bleibt häufig bestehen: das Lernmanagementsystem, die Pflichtschulung, der PowerPoint-Marathon, das E-Learning mit Abschlusstest, die Zertifikatslogik. So entsteht kein modernes Lernökosystem, sondern ein immer dichterer Stapel aus alten und neuen Angeboten.

Was kann weg in der L&D-Praxis? Gerade im Kontext von KI wird diese Frage dringlicher. Denn wenn neue Technologien lediglich zusätzlich auf bestehende Strukturen gesetzt werden, verschärfen sie das Problem. Dann wird Corporate Learning nicht wirksamer, sondern komplexer, unübersichtlicher und schwerfälliger.

Exnovation bedeutet in diesem Zusammenhang nicht bloß Aufräumen. In einer Welt, die sich schnell verändert, wird nicht das starre Festhalten an Überzeugungen zur entscheidenden Fähigkeit, sondern die Bereitschaft, sie zu überprüfen [2]. Es geht um eine strategische Lernfrage: Welche Formate, Routinen und Steuerungslogiken verhindern heute das Lernen, das morgen gebraucht wird? Die Debatte verschiebt damit den Blick von der Begeisterung für Neues hin zur Fähigkeit, Altes bewusst loszulassen. Erst wenn Lernen Raum bekommt, kann Innovation tatsächlich wirken.

Zu viel Ballast im Lernsystem

Die Umfrage ist explorativ, aber deutlich: 86 % der 43 Teilnehmenden sehen Ausmistbedarf. Damit wird deutlich, dass der Bedarf an bewusstem Rückbau im Corporate Learning kein Randthema ist.

Besonders auffällig ist: Es geht den Teilnehmenden nicht nur um einzelne Methoden oder Materialien, sondern um überholte Lernlogiken. Kritisiert werden vor allem Frontalformate, starre Lernmanagementsysteme, Pflichtschulungen, Compliance-getriebene Nachweise und Lernangebote, die zwar formal dokumentierbar sind, aber wenig echte Lernwirkung entfalten.

Gleichzeitig hat die Umfrage eine wichtige Einschränkung: Vor allem Personen aus HR, Learning & Development und Training haben geantwortet; Mitarbeitende und Führungskräfte waren nur schwach vertreten. Die Ergebnisse sind daher weniger als repräsentative Studie zu verstehen, sondern als deutlicher Stimmungs- und Hypothesenraum: Corporate Learning braucht nicht nur neue Angebote, sondern eine systematische Prüfung dessen, was nicht mehr trägt. Die Diskussion zeigte: kritisiert wird nicht nur das Medium, sondern die dahinterliegende Logik: passives Konsumieren, formale Erledigung und Nachweis statt echter Lernimpulse.

Warum Exnovation mehr ist als Methodenoptimierung

In Anlehnung an den Technikphilosophen Klaus Kornwachs [3] kann man vier Ebenen unterscheiden, auf denen Technologien und soziale Praktiken für Corporate Learning wirksam werden. Dadurch wird sichtbar, ob nur einzelne Methoden verändert werden sollen oder ob Lernarchitektur, Steuerungslogik oder Lernparadigma betroffen sind.

Das Modell unterscheidet vier Ebenen, auf denen Lernangebote betrachtet werden können. Komponenten sind einzelne Elemente innerhalb eines Lernformats, etwa PowerPoint-Charts, Quizfragen, Videos oder Vorstellungsrunden. Teilsysteme umfassen vollständige Lernangebote wie Seminare, Onboardingstrecken oder E-Learning-Kurse. Die organisatorische Hülle beschreibt die Rahmenbedingungen, unter denen Lernen gesteuert und nachgewiesen wird, etwa Zertifikate, KPIs, Pflichtlogiken, Compliance, Freigabe- und Nachweisprozesse. Die Gesamttechnologie bezeichnet schließlich das grundlegende Lernverständnis einer Organisation, zum Beispiel eine Seminar- und Kontrolllogik oder ein arbeitsintegriertes, selbstorganisiertes Lernverständnis.

Für Corporate Learning ist diese Unterscheidung zentral: Häufig wird an Komponenten optimiert, obwohl die eigentlichen Blockaden in Steuerungslogiken oder im grundlegenden Lernparadigma liegen.

Exnovation als Macht- und Strukturfrage

Exnovation im Corporate Learning ist mehr als das Streichen einzelner Formate. Sie berührt die Frage, wer in Organisationen darüber entscheidet, was gelernt wird, wie Lernen nachgewiesen werden muss und welche Formen von Weiterbildung als legitim gelten. Die organisatorische Hülle umfasst Zertifikate, KPIs, Pflichtlogiken, Compliance, Tracking, Freigaben und Rollout-Prozesse. Sie entscheidet, ob Lernen als Entwicklung, Selbststeuerung und Transfer verstanden wird oder als dokumentierte Pflichterfüllung. Damit wird Exnovation zu einer Macht- und Strukturfrage. Denn viele überholte Lernformate bestehen nicht deshalb fort, weil sie besonders wirksam sind, sondern weil sie in bestehende Steuerungslogiken eingebettet sind: Fachbereiche fordern bekannte Trainings, Compliance verlangt Nachweise, HR-Systeme zählen Zertifikate, Führungskräfte erwarten kontrollierbare Formate.

Gerade diese Strukturen stabilisieren alte Lernlogiken. Sie machen es schwer, arbeitsintegriertes, selbstorganisiertes oder peer-basiertes Lernen ernsthaft zu verankern. Wer Exnovation betreibt, stellt deshalb nicht nur PowerPoint-Marathons oder Pflichtschulungen infrage, sondern auch Rollen, Verantwortlichkeiten und Kontrollmechanismen. Die zentrale Frage lautet: Dient ein Lernangebot tatsächlich der Entwicklung von Menschen und Organisationen – oder vor allem der Absicherung, Dokumentation und Steuerbarkeit?

Womit würdest du Peer Learning sabotieren?

Nehmen wir einmal an, unser Ziel wäre nicht, Peer Learning zu ermöglichen, sondern es möglichst wirksam zu verhindern. Dann müssten wir gar nicht bei den Inhalten ansetzen. Wir müssten keine schlechten Lernmaterialien produzieren oder uninteressante Themen auswählen. Es würde ausreichen, die Rahmenbedingungen geschickt zu gestalten. Die Freitextantworten der Befragung zeigen deutlich: Peer Learning scheitert selten an mangelndem Interesse oder schlechten Inhalten. Es scheitert an Strukturen, die Selbstorganisation fordern, aber Kontrolle organisieren.

Nachgedacht, hinterfragt, weitergedacht: Themen aus der Diskussion

Veraltete technische Infrastrukturen
Am Beispiel Verwaltung wurde diskutiert, wie alte Rechner, veraltete Systeme und fehlende Investitionen moderne Lern- und Arbeitsformen blockieren.

Didaktische Reduktion und Zielgruppenproblem
Ein zentrales Thema war, dass viele Trainings für „alle“ konzipiert werden und deshalb zu viel Inhalt enthalten. Ausmisten bedeutet hier auch: Zielgruppen schärfen und den Kern herausarbeiten.

Content-Überladung in E-Learnings
Interne Expertinnen und Experten wollen oft „alles“ vermitteln. Dadurch entstehen lange, überfrachtete Lernangebote, die Lernende eher belasten als unterstützen.

Hochschulen unter KI-Druck
Die Diskussion wurde auf Universitäten erweitert: KI stellt Prüfungen, Curricula, Fächerlogiken und die Rolle von Lehrenden infrage.

Futures Literacy und strategische Vorausschau
Als mögliche Zukunftskompetenzen wurden Futures Literacy, Futures Thinking und strategische Vorausschau genannt.

Power Structures und Beharrungskräfte
Mehrfach wurde betont, dass bestehende Rollen, Statuspositionen und Machtstrukturen Veränderung verhindern.

KI als Lerninfrastruktur
Es wurde angesprochen, dass KI heute bereits personalisierte Kurse, Tutorensysteme und Lernpfade erzeugen kann – und damit klassische Anbieterlogiken infrage stellt.

Corona als erzwungene Exnovation
Ein Praxisbeispiel zeigte, wie der erste Lockdown Präsenztrainings abrupt beendete und virtuelle Formate erzwang – mit anfänglich schlechten, später besseren Lösungen.

Verschlimmbesserung durch neue Tools
Kritisch wurde gesehen, dass PowerPoint zwar durch Whiteboards oder digitale Tools ersetzt wurde, die dahinterliegende Belehrungslogik aber oft bestehen bleibt.

Soziale Funktion von Lernritualen
Daraus entstand die Frage, welche Funktion scheinbar überholte Elemente erfüllen: Orientierung, Kontakt, Sicherheit, Beziehung oder Eisbrechen.

Verhaltensökonomische Erklärung des Festhaltens
Angesprochen wurden Mechanismen wie der Endowment-Effekt (der „Besitztumseffekt“): Was man selbst aufgebaut hat, gibt man schwerer auf.

Exnovation als selbstreflexives Moment
Es wurde gefragt, ob Innovation und Transformation nicht ausreichen. Der Begriff hilft zu verstehen, warum Organisationen und Menschen an alten Formaten festhalten, auch wenn diese nicht mehr wirksam sind.

Rücknehmbarkeit von Anfang an mitdenken
Ein wichtiger Punkt war: Neue Formate und Technologien sollten so eingeführt werden, dass sie später auch wieder beendet oder verändert werden können.

Exnovation als Machtstrategie
Wer Systeme so baut, dass sie kaum rücknehmbar sind, schafft Abhängigkeiten und Machtpositionen. Auch das wurde kritisch angesprochen.

Weiterführende Ressourcen

[1] Wagner, Anja C. (2026), Beyond Teaching: Der Friedhof der L&D-Altlasten und die Kunst des strategischen Weglassens, abgerufen am 26.06.2026. Hier geht es zur Präsentation mit den Befragungsergebnissen.

[2] Niemeier, Joachim (2026), Nicht jeder Workshop verdient sein Überleben, abgerufen am 26.06.2026

[3] Kornwachs, Klaus (2025), Techno-Konflikte. Beziehungen zwischen parallelen und reversiblen Technologien. Verlag J.B. Metzler 2025.

Hinweise zum Einsatz von KI bei der Erstellung dieses Beitrags

Dieser Beitrag wurde unter ko-kreativer Nutzung generativer KI-Systeme erstellt. Zum Einsatz kamen ChatGPT(OpenAI) sowie Gemini (Google) in ihren jeweils aktuellen Modellgenerationen. Für die Videotranskription wurde TurboScribe genutzt, zur Paraphrasierung und Überprüfung DeepL.

Die inhaltliche Konzeption, Auswahl, Bewertung und redaktionelle Verantwortung des Beitrags liegen beim Autor.

Stand der KI-Unterstützung: 26.06.2026.