re:publica 2022: Die Nationale Bildungsplattform – Notizen aus einer Session

Die Vorgänger-Regierung hat das noch beschlossen: Deutschland soll eine nationale Bildungsplattform bekommen. Die unglaubliche Summe von 635 Millionen Euro ist dafür bereitgestellt. Auf der Republica 2022 gab es für mich erste Infos dazu von Projektbeteiligten in der Session am 9.6.2022.

Bild: KhPape CC BY

Hier meine Aufzeichnungen, die ich größtenteils als Tweets mitschrieb:

  • Die nationale Bildungsplattform soll alle 80 Millionen Menschen in Deutschland beim lebenslangen Lernen unterstützen.
  • Alle Anbieter, die privaten und die staatlichen, sollen in der Plattform nebeneinander sichtbar und nutzbar werden. Das soll eine Schnittstellen-Plattform werden, ohne eigene Datenbanken.
  • Die Bildungsplattform soll eine „Servier-Plattform“ werden. Jeder soll sich die Häppchen selber wählen.
  • Aber Lernende sollen auch ihre Lernergebnisse dort ablegen. Die „Lerner-Journey“ soll abgebildet werden.
  • Bisher wird fast nur das individuelle Lernen adressiert, nicht das soziale Miteinander-Lernen
  • Die nationale Bildungsplattform will für die Lerner individualisierte Angebote machen. Das ergibt sich schon aus der schier unübersichtlichen Menge des auf der Plattform zu findenden Angebotes.
  • Deshalb denkt man über vorgeschlagene „Lernpfade“ nach. Die könnten grafisch sichtbar werden.
  • Visualisierungen verleiten aber auch zum Mitgehen des am besten dargestellten Weges. Auch die Farbe leitet schon: Grün folgt man am ehesten.
  • Individueller Lernpfad ist eine Metapher, die sich wohl in der Projekt-Diskussion zur nationalen Bildungsplattform bisher durchgesetzt hat. Gefahr: Lernpfade, die unser Schul-/ Hochschulsystem abbilden.
  • Individuelles Lernen braucht aus meiner Sicht individuelle Wahlmöglichkeiten ganz verschiedener Lernmodule. Das wirkt hier nicht so.
  • Eine Plattform hat immer ein „Infrastruktur-Regime“. Da stecken politische Entscheidungen drin. Das beginnt bei Pfad-Entscheidungen und endet bei Profil-Fragen.
  • In solchen Plattformen werden gesellschaftliche Normen und Vorstellungen festgeschrieben! Das gilt auch für die nationale Bildungsplattform.
  • Plattform-Politik: Plattformen sind politische Räume durch ihre inhärenten Gestaltungsentscheidungen. Das ist gerade bei Bildung eine wichtige Frage, weil die Ergebnisse erst Jahre später wirksam werden.
  • Das scheint wohl heute das erste öffentliche Sprechen über das Projekt „Nationale Bildungsplattform“ zu sein.
  • Das Panel ist sich einig, dass die öffentliche Diskussion bisher viel zu kurz kam über die nationale Bildungsplattform.
  • Schottland und Irland haben Schüler und Schülerinnen als Experten eingeladen. Bei uns denkt man wohl an gestandene Experten, die man einbinden will, demnächst Pädagogen.
  • Frage aus dem Publikum: Warum hat es noch keinen großen Hackathon für die nationale Bildungsplattform gegeben?
    Warum passiert das fast unbemerkt von der Öffentlichkeit, wenn es um 635 Millionen fürs Lernen geht?

Mein Fazit:

So wie es auf dem Podium klang, geht es ausschließlich um ein Zusammenstellen von Lern-Content. Und offenbar auch nur um Content, der von öffentlichen oder privaten Bildungseinrichtungen erstellt wurde. Damit wird das formale Lernen adressiert, dass nur einen sehr kleinen Teil des lebenslangen Lernens ausmacht. Legen wir auch hier das 70:20:10 Modell zu Grunde, dann wird eine extrem große Summe für das Sichtbarmachen der 10% ausgegeben. (Es entsteht ja kein neuer Content). Dabei wäre es viel sinnvoller, die 90% des selbstgesteuerten Lernens zu fördern. Und das ist nicht so sehr eine Frage des Geldes, sondern eher eine mutmachende und mitreißende Bewegung, die persönliche Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen.

Hier die Podiums-Diskussion zum Nachschauen:

Danke, den SprecherInnen auf dem Podium:

Felicitas Macgilchrist – https://re-publica.com/de/user/13344
Ulrike Lucke – https://re-publica.com/de/user/13670
Michael Seemann – https://re-publica.com/de/user/11356
Heike Ekea Gleibs – https://re-publica.com/de/user/12401

Weitere Informationen zur RP22-Session.