#CLC0711: Lernen in der Zukunft – meinen persönlichen Lernweg gestalten

Einige Plätze blieben zwar leer, weil das Wetter den Weg zum Agility Lab der Universität Stuttgart zu einem kleinen Abenteuer machte, aber wer sich trotz des stürmischen Regens rausgetraut hat, wurde absolut belohnt!

LEGO spielen? Von wegen „nur“ Spielerei!

In den bunten Steinen steckt jede Menge Innovation, Kreativität und Teamwork. Aber von Anfang an.

Martin Rost vom Agility Lab stellte uns zunächst die Geschichte von LEGO® SERIOUS PLAY® vor. In den späten 1990er Jahren stand die LEGO Gruppe vor einer existenziellen Zerreißprobe. Sinkende Gewinne und der unaufhaltsame Siegeszug digitaler Unterhaltungsangebote setzten das traditionelle Geschäftsmodell massiv unter Druck. Inmitten dieser Krise wuchs beim damaligen CEO und Eigentümer, Kjeld Kirk Kristiansen, eine tiefe Unzufriedenheit über herkömmliche Strategiemeetings heran. Er empfand sie als starr, fantasielos und hierarchisch dominiert – Foren, in denen das kollektive Wissen der Mitarbeitenden ungenutzt blieb. Kristiansen hatte eine visionäre Intuition: Wenn Kinder seit Jahrzehnten das LEGO System nutzen, um ihre Träume zu bauen, warum sollten Erwachsene nicht dasselbe tun, um komplexe geschäftliche Visionen greifbar zu machen?

Die Geburtsstunde der neuen Methode schlug in der Zusammenarbeit mit der Wissenschaft. Kristiansen verbündete sich mit den Professoren Johan Roos und Bart Victor vom renommierten IMD in Lausanne. Die Forscher befassten sich intensiv mit Konzepten der Echtzeitstrategie (Real-Time Strategy). Im Januar 1997 nahm die Idee schließlich konkrete Formen an, als Roos eine Skizze für ein neuartiges Werkzeug auf einem Briefumschlag festhielt.

Was folgte, war ein agiler und iterativer Entwicklungsprozess. Unter dem anfänglichen Codenamen „LEGO M-Tool“ (Management Tool) wurde die Methode in über zwanzig Schleifen kontinuierlich getestet, verworfen und verfeinert. Sowohl LEGO-Mitarbeitende als auch externe Manager fungierten dabei als Testpersonen. Aus dieser Dynamik heraus prägte Roos schließlich den Begriff „Serious Play“. Um das theoretische Fundament in eine massentaugliche Praxis zu überführen, wurde das Kernteam strategisch erweitert: 1999 stieß Robert Rasmussen aus der Produktentwicklung von LEGO hinzu, gefolgt von Per Kristiansen im Jahr 2001. Gemeinsam formten sie die methodischen Prinzipien und Handbücher, die heute weltweit als Standard gelten.

Im Jahr 2002 wurde eine offizielle Patentanmeldung (US 2002/0103774 A1) für LEGO® SERIOUS PLAY® (LSP) erteilt. Diesea beschrieb ein „Programm, eine Methode und Materialien zur Förderung des kreativen Denkens, der Kommunikation, der Entscheidungsfindung und der strategischen Planung“ auf der Basis von Bausteinen mit Noppenkonfiguration. Die Open-Source-Freigabe von LEGO® SERIOUS PLAY® (LSP) im Juni 2010 markierte einen weiteren entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Methode: Weg von einem exklusiven Beratungsprodukt, das ausschließlich zertifizierten Facilitatoren und lizenzierten Partnern vorbehalten war – hin zu einem weltweit zugänglichen Werkzeug.

Das Workshop-Thema: Die eigenen Lernwege sichtbar machen

Im Mittelpunkt von LEGO® SERIOUS PLAY® steht nicht das Bauen schöner Modelle, sondern das Sichtbarmachen von Gedanken, Erfahrungen und Perspektiven. Die Modelle dienen als Metaphern: Ein Stein, eine Figur oder eine Konstruktion bekommt ihre Bedeutung erst durch die Erklärung der Person, die das Modell gebaut hat.

Wichtige Grundprinzipien sind:

  • Wir denken mit den Händen: Gedanken entstehen nicht nur im Kopf, sondern zuerst auch im Tun
  • 100% Beteiligung (Lean-Forward-Effekt), jeder baut und erklärt die Story seines Modells
  • Jedes Modell ist gültig, so wie es gebaut wurde
  • Nur die bauende Person erklärt, was ihr Modell bedeutet
  • Die anderen hören zu und stellen Verständnisfragen
  • Alle kommen gleichermaßen zu Wort
  • Psychologische Sicherheit: Wenn Kritik geäußert wird, kritisiert man nicht die Person, sondern das LEGO-Modell, das vor ihr auf dem Tisch steht
  • Das Modell hilft, komplexe Themen zu fokussieren und besprechbar zu machen

Das folgende Chart macht sichtbar, worum es bei uns im Workshop im Kern ging: Lernen wird nicht abstrakt besprochen, sondern gebaut, erzählt, geteilt und gemeinsam gedeutet. Die Teilnehmenden erkennen ihre eigenen Herausforderungen, machen persönliche Lernmuster greifbar und entwickeln daraus konkrete Lernwege.

Nach einem kurzen Skillbuilding ging es los. Die Leitfrage für die erste Runde lautete:

Welche zentralen Herausforderungen siehst du für deine persönliche und berufliche Entwicklung? Baue ein Modell, das diese Herausforderungen sichtbar macht.

Das Ziel des ersten Modells bestand darin, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen – nicht, sie zu bewerten oder Lösungen zu finden.

Die Arbeitswelt verändert sich rasant. Wir haben erkannt, dass die kommenden Jahre eine lange Liste an Fragen und Dynamiken mit sich bringen werden. Wir sprachen u.a. über:

  • den Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI) und ihre Auswirkungen auf unseren Alltag
  • die zunehmende Flexibilisierung und völlig neue Arbeitsformen
  • veränderte Rollen und die ständige Frage nach neuen Kompetenzen
  • ein hohes Maß an Unsicherheit in einer sich immer wieder neu erfindenden Unternehmensumgebung
Ein LEGO® SERIOUS PLAY®-Modell zu den individuellen Herausforderungen

KI, Angst und gesellschaftliche Unsicherheit – Der Hexenhut

Auf Basis der individuellen Modelle haben wir anschließend unsere Herausforderungen zu einem gemeinsamen Modell verdichtet. Die Leitfrage für die zweite Runde war:

Welche Herausforderungen sind für uns gemeinsam besonders bedeutsam? Welche Aspekte aus den Einzelmodellen sollten im gemeinsamen Modell sichtbar bleiben?

Das gemeinsame Modell verweist auf die Ängste im Umgang mit KI. Die Metapher des LEGO-Hexenhuts steht für diese Ängste und symbolisiert die bedrohliche oder unheimliche Seite der KI-Entwicklung:

  • KI wird nicht nur als technisches Thema dargestellt, sondern auch als Auslöser von Angst. Viele Menschen fürchten die Entwicklung, insbesondere mit Blick auf Jobverlust und Existenzsicherung. Diese Angst entsteht auch dadurch, dass KI in Medien und Öffentlichkeit ständig präsent ist.
  • Es gibt zwei Gruppen: Die eine nutzt KI täglich, entwickelt sie teilweise selbst und versteht viel davon. Die andere steht eher außen vor, versteht wenig bis nichts von KI und kann mit dem Thema kaum etwas anfangen. Trotzdem ist auch diese Gruppe von Angst betroffen, weil sie ständig mit Berichten über KI konfrontiert wird.
  • Ein Teil der im Modell dargestellten Personen steht am Rand, schaut zu und redet mit, kommt aber selbst nicht voran. Diese Bewegung im Kreis kann auf Orientierungslosigkeit, Stillstand, destruktive Kritik oder fehlende Beteiligung hindeuten.

Lernen: Muster, Wege, Methoden

Weiter ging es mit der nächsten Leitfrage:

Wie reagierst du mit Lernen auf diese Herausforderungen? Baue ein Modell, das zeigt, woran du erkennst, was du lernen musst, welche Lernwege du nutzt und welche Methoden dir dabei helfen.

Die Aufgabe bestand darin, ein Modell zu erstellen, anhand dessen erkennbar ist, was gelernt werden muss, welche Lernwege genutzt werden können und welche Methoden dabei helfen. Um dann gleich im Folgeschritt die nächsten Leitfragen zu beantworten:

Welche Gemeinsamkeiten erkennen wir? Welche unterschiedlichen Lernwege werden sichtbar? Welche Muster entstehen? Wo gibt es Verbindungen zwischen Herausforderungen, Lernbedarfen und Lernmethoden?

Das Ergebnis? Lernen wird als Kombination aus Netzwerk, Austausch, KI-Unterstützung, Selbstreflexion und fokussierter Auswahl verstanden:

1. Lernen über diverse Netzwerkstrukturen
Lernen geschieht durch unterschiedliche Kontakte, Communities und Netzwerke.

2. KI als Lernpartner nutzen
KI wird als Unterstützung beim Lernen, Sortieren, Fragenstellen und Reflektieren verstanden.

3. Rückzug auf sich selbst
Lernen braucht auch Phasen der Selbstreflexion, Konzentration und persönlichen Klärung.

4. Austausch zur Erkennung von Trends
Gespräche mit anderen helfen, neue Entwicklungen, Signale und Trends frühzeitig wahrzunehmen.

5. Lernen von und mit anderen
Lernen wird als sozialer Prozess verstanden, auch über Fachgrenzen hinweg.

6. Interdisziplinäres Lernen
Unterschiedliche Perspektiven und Disziplinen erweitern das eigene Verständnis.

7. Lernhürden niedrig halten
Lernangebote und Lernwege sollen einfach zugänglich und handhabbar sein.

8. Viele Tools kennen, aber fokussiert auswählen
Toolkompetenz ist wichtig, aber entscheidend ist nicht die Menge der Tools, sondern die passende und bewusste Auswahl.

Resümee des Abends der CLC0711 im Agility Lab

LEGO® SERIOUS PLAY® ist weit mehr als ein lockerer Icebreaker. Es geht um eine strukturierte Methode, die Denk- und Beteiligungsprozesse aktiviert. Dank der kompetenten Moderation von Martin Rost konnten wir erleben, wie LEGO® SERIOUS PLAY® mehrere Lernformen verbindet: individuelles Nachdenken, soziales Lernen, erfahrungsbasiertes Lernen, Reflexion, Sinnfindung und kollektive Entscheidungsfindung. Dadurch eignet sich die Methode besonders für Themen wie Transformation, KI, neue Rollen, Strategieentwicklung, Teamlernen und den Umgang mit Unsicherheit.

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