Corporate Learning – gibt es das eigentlich?

Im Rahmen des Corporate Learning 2025 MOOCathon (Untertitel: “Learning & Development in the Digital Age”) wollen wir eine Vision für das Corporate Learning der Zukunft entwickeln. Daher habe ich mal nachgesehen, wie der Begriff “Corporate Learning” definiert ist. Zu meiner Überraschung gibt es den Begriff weder im Oxford Advanced Learners Dictionary, noch auf dict.leo.org und auch nicht in der englischen Wikipedia. Gefunden habe ich dort nur Corporate Education, abgegrenzt von Corporate Training. Aber Training ist für Corporate Learning sicher eine viel zu enge Definition. In einem früheren Corporate-University-Projekt hatte ich mal eine Folie mit der Aufschrift “Training is for dogs. Learning is for people”. Oder wie es Siemens mit diesem Zeitstrahl im Learning Campus schön auf den Punkt bringt:

Das Wort “Corporation” kann man als Unternehmen, aber auch als Stadt oder Gesellschaft übersetzen. Dementsprechend würde “Corporate” bedeuten, dass sich etwas auf ein Unternehmen, eine Stadt oder eine Gesellschaft bezieht. “Corporate Governance” ist somit z.B. die “Regierung eines Unternehmens” oder die “Unternehmensführung”. Sieht man die genannten sozialen Gruppen als Organisationsformen, könnte man “Corporate” auch als “organisational” übersetzen.

Der Begriff “Lernen” kann ähnlich weit interpretiert werden. Vom schulischen (auswändig) lernen bis hin zur humboldtschen Idee der Bildung. Ich glaube für unseren MOOCathon ist ein sehr weit gefasster Lernbegriff von Nöten. Im UNESCO-Report “Learning: The Treasure Within” wird ein solcher vorgeschlagen. Die vier Säulen des Lernens sind:

  1. Learning to know
  2. Learning to do
  3. Learning to live together, Learning to live with others
  4. Learing to be

Das geht nach meinem Empfinden in die richtige Richtung und scheint auch allgemeiner Konsens zu sein. Das Bundesministerium hat gerade in einer Umfrage ermittelt, dass 90% der Bundesbürger diese Art des Lebenslangen Lernens als unerlässlich für ihren beruflichen Erfolg sehen.

Lerntheorien und Definitionsansätze gibt es eine ganze Menge. Will man ein Thema jedoch in die Breite kommunizieren, helfen wissenschaftliche und komplizierte Ansätze meist nicht. Gemäß des Einstein-Zitats “Man muss die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher.” könnte man Lernen definieren als:

Lernen ist der Erwerb von Wissen und Fähigkeiten aus Erfahrungen.

Corporate Learning ist dann das gemeinsame, lebenslange Lernen in einem Unternehmen, einer Organisation, einer Stadt oder einer ganzen Gesellschaft. So nähern wir uns dem organizational learning, das Chris Argyris und Donald Schön bereits in den 70er Jahren skizziert haben: kleine Lernschleifen bei allen Aktivitäten zur Reflexion von Erfahrungen (Lessons Learned, After Action Review). Gleichzeitig Lernschleifen über die Ziele, die zu den Aktivitäten ursprünglich geführt haben (Double Loop Learning). Harvard-Professor David Garvin fasst das in seinem Artikel Is your’s a Learning Organization schön in seiner Definition der Lernenden Organisation zusammen:

Eine Lernende Organisation ist eine Organisation, die die Fähigkeit besitzt, Wissen zu generieren, zu akquirieren und zu verteilen und ihr Verhalten auf Basis neuer Erkenntnisse und Einsichten zu verändern.

Mit diesen Vorüberlegungen versuche ich mich mal an einer Definition für Corporate Learning für den MOOCathon:

Corporate Learning bezeichnet alle Aktivitäten und Maßnahmen in einer Organisation, die die Vision der Lernenden Organisation in der täglichen Arbeit erlebbar machen.

So betrachtet gehören nicht nur Training und eLearning zum Corporate Learning, sondern auch ein Barcamp, ein Lessons Learned Workshop, eine Lunch&Learn Session und ein Enterprise Social Network. Jetzt bin ich gespannt auf Euer Feedback zu der Definition und vielleicht weiteren Definitionsvorschlägen unten in den Kommentaren!

  • Christoph Schlachte

    Lieber Simon,

    ich mag die Ideen und Konzepte zur lernenden Organisationen.

    Gleichzeitig erlebe ich in Organisationsentwicklungs-Projekten auch Grenzen und Schwierigkeiten dieser Konzepte.

    Über Metaplan und Stefan Kühl habe ich dann Theorie und Thesen kennengelernt, die die Schattenseiten von “lernenden Organisationen” beleuchteten und Erklärungen für Schwierigkeiten in Projekten bereitstellen. Das war für mich nicht leicht auch dieses Perspektiven gelten zu lassen.

    Ich freue mich darauf, dass im Rahmen des MOOCathon auch darauf eingegangen wird und nicht nur die Schauseite der Unternehmen präsentiert werden, die alles im Griff haben.

    Link dazu:http://www.uni-bielefeld.de/soz/personen/kuehl/Eigene%20Publikationen/Kuehl-Stefan-2015-Entzauberung-der-lernenden-Organisation-.pdf

    Herzliche Grüße,

    Christoph
    http://www.cs-seminare.com

    • Deswegen glaube ich auch nicht, dass wir uns für den MOOCathon auf “die eine wahre” Definition einigen sollten. Ich fände es gut, wenn wir viele Perspektiven zusammentragen und dadurch ein gemeinsamer Kern sichtbar wird. Stefan hatten wir übrigens als Redner auf der KnowTouch letztes Jahr, mit dem tollen Vortrag mit dem Titel des Papers “Jenseits der Verklärung der Lernenden Organisation”: https://youtu.be/x1C2xgGHyvE

      • Christoph Schlachte

        Fand und finde ich prima, dass ihr ihn eingeladen habt. 🙂
        Und Abstand von einer “wahren” Definition nehmt.